Es war einmal vor langer langer Zeit, als die Erde noch eine Grünlandschaft war und wilde Tiere noch lustig um die Häuser zogen wie heutzutage marodierende Ghettokids, da gab es ein wunderschönes Dörfchen, in ein saumäßig idyllisches Tal gebettet, von einem Flüsschen durchbrochen und von Äckern und Wäldern umgeben, von Blümlein umsprießt, von Wölkchen bedeckt und mit tollen Kühen gesegnet.

Da führte nur ein Weg hinein und kein anderer wieder heraus, so wie es Gang und Gebe war vor langer langer Zeit. Dadurch führte auch das Leben eines jeden Dorfbewohners durch Geburt in eine der Hütten hinein und am End’ auf den Friedhof auf der Seite des Dorfes ohne Weg wieder heraus, es sei denn, jemand kam bei einer größeren Exkursion im Umland ums Leben und war zu unbeliebt für die Rückführung seines Leichnams. Man sah damals noch nicht viel von der Welt, zumal es an Fernsehern mangelte, obwohl so mancher stramm einen Hügel erklomm und so manches verschwommen in der Ferne sah.

Da war auch kein Gemäuer drum herum, weil sich auf dem einen Weg bisher nur handzahme Personen in kleiner Stückzahl genähert hatten und sich feindliche Streitmächte eher selten in diese Gegend verirrten. Fremde waren im Dorfe schon geduldet, durften verweilen und es blieb über die Jahrzehnte der ein oder andere sogar stur und wurde ansässig, was natürlich eine Explosion der Nachnamen mit sich trug. Heuer, also jetzt vor langer langer Zeit, gab es bereits sechs Familiennamen und sie alle waren begierig, endlich Wappen zu schnitzen.

Da gab es auch keinen Handel, denn alles was sie brauchten und die Natur ihnen nicht gab, das schufen sie selbst. Und fand einmal ein Neuankömmling auf seinem Hinweg einen besonders interessanten Stein am Wegesrand, der auf dem Dorfplatz unter großem Getöse dem Volke präsentiert wurde, so wäre der gesegnete Besitzer desselben im Leben nicht auf die Idee gekommen, mehr als eine Schüssel Erbsen mit lecker Laib Brot dafür zu verlangen. Man tauschte Waren geflissentlich ohne Geld, und da man als Dorf zu Gründerzeiten beschlossen hatte, sich mehr in einem mitteleuropäischen Tälchen statt am Strande zu positionieren, gab es nicht einmal Muscheln. Und wohl musste irgendein Heiliger auf Dorfesgrund begraben liegen, denn der Mangel an Konsum tat ihnen auf wundersame Weise keinen Harm.

Da gab es kaum Gewalt, wenn nicht gerade Seppl Stallstadler und Gustl Heuhubler miteinander in Turbulenzen gerieten, weil eine aufmüpfige Kuh namens Heidukken-Liesl das Terrain vom Gustl mit den Weiden vom Seppl verwechselt hatte. Zur Schlichtung waren lediglich deren lautstarken Ehgesponse nötig, ein Dorfschöffe also unnötig, Justiz drum weit und breit nicht zu finden und auch Jurastudenten eher selten am Ort am promovieren. Das Dorf war praktisch ein rechtsfreies Gebiet. Von Rechtlosigkeit kann dadurch aber noch lange nicht gesprochen werden, auch wenn der Heuhubler Gustl die viel fiesere Frau hatte. Die Menschen gingen rechtschaffen und ordentlich miteinander um, denn sie waren zwecks widriger Umwelt und natürlicher Abhängigkeit wie die Pinguine auf soziale Harmonie angewiesen.

Da gab es auch kein Rathaus, denn hatte einmal eine größere Anzahl Bauern eine größere Anzahl Händel auszutragen, so traf man sich in der Dorfschenke, ganz nach Gutdünken und ohne Protokoll, dafür mit viel Bier und ohne Manieren, um möglichst eine lange Nacht daraus werden zu lassen. Für das Dorf musste keiner sprechen, weder nach innen noch nach außen, denn keiner hätte gewusst, was man ihn fragen sollte. Keiner hatte je ein Rathaus gesehen, weder von innen noch von außen, und keiner hätte das Fehlen des Ausschanks begriffen. Überhaupt war keinerlei Verwaltung vonnöten, das Dorf blieb stehen und der Schwefelregen blieb aus, obwohl kein Beamter durch Anwesenheit den Grund und Boden segnete. Was wiederum die These vom vergrabenen Heiligen bestärkt.

Da gab es auch noch keine moderne Medizin, auch wenn die auf Heilkräuter spezialisierte Waldwurzelwiebke den extraordinärsten Lebensstil im Dorfe pflegte und somit aweng modern rüberkam. Doch viel half es nicht, kaum hatte ein Bauer eine Brennnessel gestreift, schon mussten komplette Gliedmaßen amputiert werden, wollte man den Ärmsten retten. Es waren harte Zeiten und Menschen starben, doch nur selten mit Schläuchen im Bauch und praktisch nie bei einem Autounfall.

Da gab es auch noch keine Banken, wodurch das tapfere Völkchen natürlich am meisten zu leiden hatte. Auf lange Sicht mussten sie in sozialer Gleichheit dahinsiechen, ohne dass sich einer von ihnen durch Kapital von den anderen hätte abgrenzen dürfen. Keiner durfte als Klein Bub davon träumen, später einmal allein durch Geld über allen anderen zu stehen, jeder musste es irgendwie aushalten, ein Leben lang von völlig gleichwertigen Volltrotteln umgeben zu sein, die nicht in der Lage waren, ihn zu unterbieten. Es waren furchtbare Zeiten. Auf lange Sicht würde das Dorf kein Hochhaus besitzen, wahrscheinlich nicht einmal Läden für Superreiche, wahrscheinlich nicht einmal Superreiche. So viele wunderschöne Flächen des Tales, sie hätten sinnlos mit riesigen Prachtvillen zugekleistert werden können, aber die Flächen durften nicht, sie durften nicht! Es waren grausame Zeiten. Auf lange Sicht durfte man sich nicht einmal an Dingen bereichern, die überhaupt nicht existierten, man musste sich tatsächlich mit dem zufrieden geben, was auch tatsächlich da war, oder an Gott glauben, was dann auch die meisten taten. Es waren gottlose Zeiten.
Da gab es auch noch keine Umweltverschmutzung, was sich zunächst einmal gut anhört, wenn man außer Acht lässt, dass diese armen Kreaturen ein Leben lang ohne Plastik auskommen mussten! Um nur eines zu nennen. Komplett kein Plastik. Das sprengt jede Vorstellungskraft. Was für ein jämmerliches Dasein ohne Plastik dieses tapfere Völklein in seiner sauberen Natur wohl darben musste und wie gerne man ihnen einen ordentlichen Batzen Umweltverschmutzung in ihre plastiklose Idylle scheißen möchte, um das ganze Elend zu beenden. Wir sind außerstande, das nachzuempfinden, Kindheit ohne Lego, nur mit Flora und Fauna umgeben, es muss die Menschen bis hin zur Bestie verroht haben.

Da gab es auch schon Solarenergie, nur wussten es hauptsächlich die Bäume und Pflanzen zu nutzen. Die begriffsstutzigen Menschen von damals waren noch zu dumm, um aus allen möglichen Dingen Energie zu gewinnen und mussten dadurch auf unglaublich viele Dinge verzichten, die sie zum Leben nicht brauchten. Hätten sie nur eine Vorstellung davon gehabt, was sie alles hätten haben können, aber nicht gebraucht hätten, sie hätten alle Nachgeborenen verflucht. Da sie es aber nicht wussten, scheint es ihnen auch nichts ausgemacht zu haben. Diese kreuzdummen Idioten.

Da gab es auch schon Musik, nur halt wenn man sie tatsächlich erzeugte und eher selten per Knopfdruck. Durch den Mangel an technischen Geräten konnte man also nicht zu jeder Tageszeit Musik hören und manch ein Bauer sang sich stundenlang beim Ackern ins Delirium, um dieser furchtbaren Erkenntnis zu entfliehen.
Da gab es auch schon Biomüll, nur eben nicht diese sensationellen Tonnen dazu, hatten also nur den Müll und nicht das Plastik, diese armen Maden, immer den Kürzeren.

Da gab es noch keinen Terrorismus, auch wenn das Wort des Öfteren in Bezug auf ’s Heidukken-Liesl angewandt wurde, wenn sie wieder mal Stinkbomben im feindlichen Terrain platzierte. Dadurch hatte das arme Völkchen weder Vorratsdatenspeicherung noch Nacktscanner, lediglich Vorratsspeicher und Nackte, mit denen auf lange Sicht kein Überwachungsstaat zu etablieren war. Von ihrer unheimlich bedrohten Sicherheitslage wussten sie aber nicht, und es scheint ihnen auch nichts ausgemacht zu haben, diesen kreuzdummen Idioten.
Da gab es also manches noch nicht und manch anderes war schon vorhanden, man kann also nur froh sein, dass hier alles so gewissenhaft und ohne jegliche Bewertung vorgetragen wurde.

Da begab es sich eines schönen Sommermorgens, dass der Brammbichler Fritzl beim ausgeprägten Spaziergang über die weite Flur eine erschütternde Entdeckung machte. Über den staubichten Feldweg hin zum Friedhof kam er gerannt, stürmte zur gefühlten Dorfmitte hin und rief aus:“Unser Feldweg führt spurgerade zum nächsten Dorf! Stucker vier Stunden Marschzeit! Damit ist’s ein richtiger Weg und damit hammer zwei Dorfeingänge! Auf zur Schenke!!“ Und mit viel Hallodri schwemmte ein lustiger Tross in die Dorfschenke ein, um diese einschneidende Erkenntnis zu deuten und zu betrinken. Da mit einer so schlagartigen Expansion ihres Dorfes und ihrer aller Bedeutung kaum zu rechnen war, musste etwas Rigoroses geschehen. Erstmals sah sich das Völkchen der Notwendigkeit ausgesetzt, jemanden zu erwählen, der für sie alle spricht, da keiner für dieses epochale Ereignis Worte fand. Und unter hysterischen „s’ Brammbichler-Fritzl!! Der hat’s entdeckt!!“-Rufen ward der erste Bürgermeister des Dorfes erkoren und durchs Zimmer getragen.

Keiner war bei diesen ersten freien Wahlen des Dorfes nun aber nüchtern genug, um die erheblichen Mängel des unausgereiften und keineswegs geheimen Wahlverfahrens zu realisieren, freudetrunken wie die Waldameisen beim Läusemelken wurde umeinandergesprungen und jeder der nicht Wahlberechtigten weil nicht Anwesenden über die neuen Zeiten informiert, stolz wie fünf Eimer Senf trug man die frohe Botschaft vom neuen heilsbringenden Bürgermeister in jedes Winkelchen, selbst den Kühen wurde lang und breit berichtet. Der Pulk der Glücksbesoffenen floss in alle Ecken, spülte sich durch alle Gassen und Gossen, um sich schließlich im Dorfkern wie in einem Becken zu sammeln und zur ersten offiziellen und großangelegten Kundgebung zu gedeihen, denn für die Kühe war die Dorfschenke schlicht zu klein. Behände waren zwei Kisten gestapelt, um ’s Brammbichler Fritzl würdig von der Masse abzuheben, wie sich ’s für’s neue Amt geziemte, und schon ward eine Rede geboren, wie sie die kleine Welt der kleinen Leute zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Hoch droben auf den Kisten thronend, hub ’s Brammbichler Fritzl an:“Mein teures Volk!!! Als erste Amtshandlung möcht’ ich amal gleich ein ordentlichs Zeichen hinbatzen, und stehen solls für den Aufbruch in a neue Zeit, in a größere Zeit!! Ich möcht’ also hiermit zum Deklarieren verkünden, dass dieser große Platz, auf deme itzo alles Volk versammlet stehet, Mann wie Frau, Kind wie Rind, Kuh wie Ochs, auffem Großen Platz unserer Altvorderen, auf dem sie schon gestunden haben mochten zu Karolus haarigen Zeiten, er möcht’ von nun an nimmer mehr als der Große Platz geheißen sollen werden, von jetzt an wollen wir ihn als einen Marktplatz gerufen werden lassen!!!“ Und so still das gebannte Volk der schweren Rede in Ehrfurcht gelauscht hatte, so ohrenbetäubend laut bestürmte es nun den sensationellen Vorschlag des Brammbichler Fritzls. Zum zweiten Mal binnen Stunden ward er durch die Menge gehoben, gefeiert und bejauchzt, um schließlich auf dem Rücken der erhabensten Kuh und in tosender Prozession zum neuen Dorfeingang getragen zu werden.

Da war er nun also, der neue Dorfeingang, nicht wenigen kamen vor lauter Glück die Tränen, nicht wenige heulten sich förmlich die Augen aus. Was es mit all diesen Menschen angestellt haben muss, von einem Augenblick zum nächsten so immens an Wichtigkeit zuzulegen, sich praktisch von der stinknormalen Obstfliege hin zum mächtigen Herrscher des Universums aufzuschwingen, ist selbst durch einschlägige Beispiele aus der Geschichte kaum nachzuempfinden, jedenfalls müssen sie im neuen Dorfeingang das leibhaftige Antlitz Gottes erblickt haben, nicht wenige wurden an diesem Tage wahnsinnig.
Und so ging es den lieben langen Tag, kaum hatte man sich am neuen Dorfeingang zu Ende gestaunt, schon ging es wieder hin zum neuen Marktplatz und bald wieder zurück, man konnte sich nicht im Klaren werden, was nun eigentlich das größere Spektakel bot. Doch auch an diesem Tag ging irgendwann die Sonne unter, zur Verblüffung aller. Er ging mal als Wahltag, mal als Markttag in die Geschichte ein.

Die nächsten Tage ertranken im Freudetaumel, kaum einer war in der Lage, das Verschleierte zu deuten, was er in diesen Tagen aus seinen bierversuppten Augen heraus wahrnahm, jedoch nahm irgendwann irgendwer eben doch etwas wahr, nämlich dass er auch essen und nicht nur trinken musste, um den menschlichen Organismus am Leben zu erhalten. Wie nun also endlich einer der Bauern aus seinem Misthaufen heraus aufstund und erste klare Worte fand für rational unterlegte Sinneseindrücke, da war es auch gleich anderen, als wäre ihnen ein Nagelbrett aus der Großhirnrinde gerissen. Und alle hatten sie just nur einen Gedanken: Das tolle Treiben mit der Verbeamtung musste aber just so weiter gehen, konnte ja nicht nur ’s Brammbichler Fritzl allein in Amt und Würden stehen. War auch schon völlig ausgebrannt, ’s knallrotkopferte Brammbichler Fritzl, und war heilfroh drum, endlich einen Verwaltungsapparat an die Seite gestellt zu bekommen, um all die Aufgaben zu meistern, denn die Last der Verantwortung zehrte bereits an seinen Kräften.

Da musste erstmal junges Volk laufburschenartig die zwei Wege des Dorfes hinausgeschickt werden, um beiderseitig des Tales von neuerlichen Möglichkeiten des Handels und steten Verkehres zu künden. Da mussten Frauen erstmals ihren Kindern die Scheitel zurechtbügeln, um die neuerlichen Karrieremöglichkeiten mit in die Lebensplanung einzubeziehen. Da waren Kühe erstmals seit Jahrhunderten einfach nicht zu gebrauchen, da sie bei neuerlichen beinahe schon staatsmännisch anmutenden Beratschlagungen einfach nichts beizutragen hatten und mussten den Platz räumen, neuerlich Marktplatz. Da war ’s Brammbichler Fritzl als neuerlicher Bürgermeister natürlich froh um jede Hilfe.

Und so wurde munter drauf los delegiert, dass Wort war kaum geboren und schon gab es mehr Delegierte im Dorf als Brammbichlers. Mit vollem Elan machte man sich an die Erschaffung von Verwaltung, denn Vieles fand sich vor, was man mit gezielter Beharrlichkeit ausgiebig verwalten konnte, und so wurde mit aller Kraft drauf los verwaltet, binnen Tagen wurde alles Althergebrachte in ein Regelwerk gezwängt, was Jahrhunderte ohne jede Regel nur so nach Gutdünken vor sich hinfunktioniert hatte, nun aber auch nach aller Regel funktionierte, plötzlich also auch vor dem Gesetze daseinsberechtigt war, nicht nur vor dem Dasein. Und der Verwaltungsapparat wuchs stetig wie ein wunderschöner Fliegenpilz, und ’s Brammbichler Fritzl war natürlich froh um jede Hilfe.

Fast die Hälfte der Bewohner verwandelte sich praktisch über Nacht in einen Beamten, manche verwandelten sich sogar in Institutionen. Die Waldwurzelwiebke war plötzlich ein Klinikum, die Gemüsefrauen eine Handelskammer, die Hufschmiede wurden zum TÜV, die Stammtische zu Forsa-Instituten, Familien zu Parteien, Bauern zu Bürgerforen, Kinder zur Zukunft, die Brammbichlers zur Elite, die Torftoblers zu Migranten, jede Kuh zur Altersvorsorge, jeder Zaun zum Agrarsektor und jeder Vogel zur Nebensächlichkeit. Vögel waren zuvor nämlich sehr beliebt, muss man wissen. Und selbst der Brammbichler Michl, der vormals nicht viel mehr konnte als am schönsten über den Herrgott zu reden, wollt’ plötzlich nicht viel weniger sein als sein Stellvertreter auf Erden. Aber natürlich war sein Kusseng dritten Grades, ’s Brammbichler Fritzl, froh um jede Hilfe.

Innerhalb weniger Tage wuchs sich ein völlig bedeutungsloses Dörfchen zur Metropole aus und hatte alles an Symbolkraft zu bieten, was ein Beamtenstaat, symbolisch wie reell, zu bieten hat. Rasch war die Kunde im Lande, dass da was im Gange seie, und Veränderungen ließen nicht lange auf sich warten, der Handel explodierte, binnen einer Woche fanden sich Stucker sechs Personen auf dem neuen Marktplatz ein, um Waren zu bieten, und nur vier davon Steine. Zum ersten Mal floss wirkliches Geld in Form landesüblicher Münzen ins Dorf, wie sie davor nur in Altarschränkchen oder Raschelbeuteln Verwendung fanden. Das schlug so Manchem binnen der ersten Wochen schon den Schalter aus, aber ’s Brammbichler Fritzl war natürlich froh um jede Rendite.

Nun unterlagen die nächsten Wochen also unvorstellbaren Veränderungen, vor unserem geistigen Auge sehen wir das Dorf im Tale liegen und wachsen, zunächst einmal an Bedeutung und nicht an Größe, wir sehen vielerlei Menschen über die zwei Handelswege ins Dorf strömen, zunächst einmal keine von Bedeutung, aber manche von stattlicher Größe, wir sehen die Wiesen und Felder um das Dorf herum veröden und versteppen, zunächst einmal, weil die Größe des Verwaltungsapparats die meisten Bauern vereinnahmte und gemeine Feldarbeit schlicht an Bedeutung verlor. War sowieso nur was für Bauern. Doch keinem fehlte die Ackerarbeit, die Frucht derselben kam neuerdings auch über die Handelswege ins Dorf, ohne dass man dafür ackern musste. Und ’s Brammbichler Fritzl war natürlich froh um jeden zufriedenen Wähler.

Und wenn an dieser Stelle noch nicht mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen wurde, dass das Dorf seit Olims Zeiten kein Rathaus besaß, so muss es nun mit aller Offenheit auf den Tisch gehauen werden, dass gerade eins gebaut wurde. Die Einweihung war ein Gaudium ohnesgleichen und ’s Brammbichler Fritzl wurde einmal mehr unter Höllengeschrei durch die tobende Menge getragen, bis ins Rathaus hinein, ein Spektakel war es, wie es keiner seit Fritzls Wahl zum Bürgermeister mehr gesehen hatte, es waren seitdem drei Wochen vergangen.

Da gab es zwar keinen Ausschank, aber keiner hätte dessen Fehlen als einen Fehler begriffen, soweit war es schon gekommen. Da gab es nun einen Bürgermeister, und keiner hätte Ordnung in all die wichtigen Fragen bringen können, die man ihm von früh bis spät um die Ohren hauen wollte. Da gab es plötzlich Gewalt, weil Gustl Heuhubler und Axl Stallstadler brachialer denn je aneinander gerieten, wenn sie nicht als erste zum Brammbichler Fritzl vorgelassen wurden. Da gab es noch keine Umweltverschmutzung, aber so Manchem dünkte es bereits, dass er hätte vom lieben Herrgott reichlicher beschenkt werden können, als der in seiner geizigen Schöpfung für ihn zum Überleben vorausgesehen hatte, es musste ja etwas Höheres und Größeres als die Natur geben, was nicht biologisch abbaubar war und gleich binnen Jahrhunderten in Staub zerfiel. Alufolie zum Beispiel. Da gab es plötzlich Gemäuer, denn wenn einer im Dorf neuerdings etwas außerhalb seines Amtes tätigte, dann war es ein Gemäuer bauen, mit Vorliebe um verödende Äcker. Da gab es noch keine Wappen, jedoch war ’s Brammbichler Karle gerade im Begriff, eins zu schnitzen. Da gab es plötzlich Handel, wie man ihn zuvor nur vom Hörensagen kannte, live und hautnah vor der Haustüre, und was zuvor nur niedliche Tauscherei unter Nachbarn ward, wurde endlich zur handfesten Ertragssteigerung. Da gab es zwar noch keine Finanzindustrie, jedoch war die erste Bank längst schon gebaut, ohne dass man es mitbekam, stand ja auch das Rathaus praktisch über Nacht urplötzlich vor dem Marktplatz, vormals Dorfkern, itzo Handelszentrum, und selbst die Läden für Superreiche würden wohl nicht mehr all zu lange auf sich warten lassen müssen. Und da gab es plötzlich Investitionen, denn die Menschen wollten nicht mehr nur reale Objekte auf wirklich vorhandenen Böden anlegen, sondern auch irreale auf unvorhandenen, um sich unwirklich reich zu machen, und es gab plötzlich Terrorismus, denn es gab plötzlich Anleger.

Es gab also plötzlich so Manches und anderes wurde in die Wege geleitet, man kann also nur froh sein, dass hier alles so nüchtern und ohne jede Leidenschaft vorgetragen wurde.

Zehn Jahre waren vergangen, vor langer langer Zeit, da hatte sich das Dörfchen grundlegend verändert. Es war nicht länger ein Dörfchen, sondern ein Staat, obwohl es immer noch kleiner als Aachen war. Da gab es endlich ein Gemäuer drumherum, um sich sichtbar von jeglicher Umwelt abzugrenzen, man war nun schließlich was. Und da gab es nun auch endlich das, was einen modernen Beamtenstaat rein äußerlich vom Alten Ägypten abgrenzt, nämlich echte Berufspolitiker. Da gab es also alles, was man sich für’s Paradies auf Erden gemeinhin wünscht, nicht mehr nur Menschenvolk, sondern auch Volksvertreter, nicht mehr nur Demos, sondern auch Kratoren, da gab es endlich Volksherrschaft. Kreuzdividomini, wie herrlich wurde das zuvor so darbende Volk in nur zehn Jahren beschenkt! Hatten ihr Leben lang nur, was sie zum Leben brauchten, und hatten nun so vieles mehr! Beamte, Investoren, Berufspolitiker, selbst dem Herzlosen kommen die Tränen, wenn über wildfremde Personen auf einen Schlag so viel Glückseligkeit ausgeschüttet wird, eine Lovestory historischer Faktoren, das Schicksal tat wohl all seine Kräfte zusammen, um einmal einen richtig Deftigen rauszuhauen, und so ließ es ’s Brammbichler Fritzl auf den Feldweg stoßen. Wahrscheinlich war auch noch eine gute Fee mit im Spiel, sogar höchstwahrscheinlich, denn so etwas passiert auch in vielen anderen Märchen.

Manche wird deshalb der Schlag treffen: s’ Brammbichler Fritzl wurde inzwischen abgewählt! War also nur noch Altkanzler, denn inzwischen wurde die Bezeichnung Bürgermeister durch das bedeutungsvollere Wort Kanzler ersetzt, um mehr der bedeutungsschweren Verantwortung fürs bedeutende Amt gerecht zu werden. ’s Brammbichler Fritzl hatte bereits im siebten Monat beim fünften Wahlgang das Amt verloren, schließlich waren Wahlen inzwischen ausgereifter und weitaus geheimer. Es wurde nicht mehr nur der erstbeste Beste gewählt, sondern der, der am meisten Sippschaft im Dorf versammelte. Da war die Sippschaft der Brammbichlers eigentlich groß im Rennen, hätte sich nicht irgendwann der Brammbichler Michl als erzkonservative Segregation vom Rest abgesondert. Doch nach Jahren des Familienzwistes riss man sich vereint am Riemen, schloss sich zur Union zusammen und stellte mit der Brammbichler Merkl die erste weibliche Kanzlerin seit nunmehr zehn Jahren.

Doch keine Sippschaft ruhte und sie alle hatten ihr Programm. Die Stallstadlers waren mehr auf das Wohl des gemeinen Arbeiters bedacht, obwohl es kaum mehr jemanden gab, der gemeinhin arbeitete. Die Zwirnzwurblers waren mehr für die Freiheit. Keiner wusste, was sie damit meinten, aber de facto ging es um die Erweiterung von Handelswegen und die Vergrößerung vom Zwirnzwurbler-Vermögen auf Kosten aller anderen, da hörte sich Freiheit wesentlich besser an. Die Brammbichlers dagegen waren auf die alten Werte bedacht, die zwar binnen zehn Jahren vollständig verloren gegangen waren, aber einem Rammbock gleich wunderbar gegen andere Sippschaften eingesetzt werden konnten, ohne sie dabei selbst anwenden zu müssen, ein Geniestreich der Brammbichlers vor allem im Wahlkampf. Zwar waren die Brammbichlers inzwischen wie gesagt zersplittert, aber selbst der kleinere Teil konnte durch pure Wertevortäuschung für sich in Anspruch nehmen, ein Freistaat zu sein, ohne dass sich irgendjemand darüber gewundert hätte. Komisches Volk. Die Heuhublers, als Sippschaft eigentlich eher klein an Zahl, machten zuerst als Protestbewegung gegen Agrarflucht und Rinderbenachteiligung auf sich aufmerksam, wuchsen sich aber schnell zur handfesten Volkspartei aus, die irgendwann die Galloschen auszog und wie alle andern dem unzähmbaren Hunger am Wohlstandskuchen verfiel, um letztlich aus dem Fressen nicht mehr herauszukommen. Und selbst die verzottelten Grashupflers mischten mit in der großen Politik, doch viele waren der Meinung, sie möchten das Rad der Geschichte am liebsten zehn Jahre zurückdrehen hin zu unambitionierteren, bäuerlichen Zeiten, dieses Kommunistenpack. Die Torftoblers dagegen bildeten noch keine eigene Partei, hatten sich aber bereits auf ein Logo geeinigt und bekamen an Wahltagen immer einen kleinen Balken geschenkt. Alle sechs Sippschaften zusammen schufen also ein wunderbares, modern anmutendes Parteiensystem, in dem jeder die Möglichkeit besaß, den eigenen Vorteil ohne Beachtung des Gemeinwohls bestmöglich und vor allem schnellstmöglich voranzutreiben, also jeweils binnen sieben Monaten. Die Wahlperioden waren nämlich noch keineswegs ausgereift und jede regierende Sippschaft musste bereits nach sieben Monaten Erfolge vorweisen, wodurch man sich also nicht einfach nach vier Jahren schwer bereichert davonschleichen konnte. Das waren natürlich widrige Umstände, kaum einer war wirklich in der Lage, innerhalb einer so kurzen Zeitspanne eine funktionstüchtige Korruption aufzubauen, ständig musste man auch aufs Gemeinwohl schielen, wollte man sich nicht zu sehr der öffentlichen Verachtung aussetzen und zum halben Zwirnzwurbler werden. Denn die trieben’s immer etwas bunter und setzten das Erreichen einer ins Staatswesen vollständig eingebetteten Korruption zu ihren Gunsten als Punkt eins ins Parteiprogramm, kurz nach der Präambel „Vorsprung durch Reichtum.“

Und alle hatten sie ihre politischen Global Player in ihren Reihen. Am globalsten war natürlich die Brammbichler Merkl, groß geworden in dem kleinen Eckchen des Dorfes, welches so weit vom Flüsschen entfernt lag, dass es grobschlächtig benachteiligt war. Dadurch hatte sie einen guten Ruf bei den kleinen Leut’, und viele blickten zu ihr auf als wie zu einer Muddi, obwohl sie gar keine Muddi war. Die kirchliche Michl-Sektion hatte als Oberhäupter stets erdige Kalauer zu bieten, itzo den mehrfachen Gewinner im alljährlichen Mundwinkelstemmen, ’s Brammbichler Horstl, itzo die größte Ambition im Dorf. Und wie die Brammbichler Merkl ihren Brammbichler Schäubl, dessen Birnholzkrücken bei so mancher Kabinettssitzung als Hauptargument auf den Tisch und so manchem Staatssekretär als Nachschlag um die Ohren gedonnert wurden, so hatte der Brammbichler Horstl seinen hochadligen Brammbichler Karle, denn dessen Wappen war nun endlich fertiggeschnitzt. Zwar war der inzwischen politisch aus dem Rennen, nachdem die Waldwurzelwiebke erfolgreich gegen sein widerrechtlich geschnitztes Doktorwappen geklagt hatte, aber viele Menschen liebten ihn trotzdem und er würde gewiss irgendwann wiederkehren, wahrscheinlich als Professor für Astrophysik.

Doch keiner, weder der Grashupfler Ernstl mit seinen neureichen Manschettenknöpf’ noch der Heuhubler Özl mit seinem glatte sechs Dörfer umspannenden Migrationshintergrund, kamen an Kuriosität dem neuen Zwirnzwurbler-Oberhaupt auch nur im Entferntesten nahe. Diese für ihre irrwitzigen Einlagen im Politikbetrieb bekannte Gauditruppe hatte nämlich neuerdings das Heidukken-Rösl zum Vorstand gewählt, ein in Kindertagen ans Flussufer geschwemmtes und vom Heidukken-Liesl und Fellachen-Rudi liebevoll adoptiertes Kälbchen mit reizender Schnute. Und durch die momentane Regierungsbeteiligung der Zwirnzwurblers war ’s Heidukken-Rösl plötzlich auch noch Vizekanzler, man möchte seinen Ohren nicht trauen, aber so war’s. Und wenn man nun noch den gut ins Kraut geschossenen Stallstadler Siggi erwähnt, der wie an Masse auch Intellekt und drum gar keinen guten Ruf bei den kleinen Leut’ besaß, hat man einen detaillierten Aufriss der neuen Dorfhierarchien, ein neues Zeitalter war angebrochen und die Luft wog schwer von Bedeutung.
Jedoch wurstelten sich die einzelnen Familien nicht nur durch die Politik allein, sie hatten noch ganz andere Themenfelder entwickelt, die ihr neuerliches Leben vereinnahmte. In erster Linie natürlich die Wirtschaft, denn was ist in einem politischen Dorf unerträglicher als der Mangel an Unternehmen? Wofür wäre das ganze dann überhaupt gut? Es gab inzwischen eine Dorfsche Bank, deren Gründer, der Brammbichler Seppl, zuvor nur ein einfacher Ackermann, nun zu den reichsten Burschen im ganzen Umland und sein Haus bereits vier satte Stockwerke zählte. Dessen Bruder Walter wurde zum großen Energieentsorger, indem er allen Dung des Dorfes, der inzwischen ja nicht mehr gebraucht wurde, ins ganze Umland auskarrte, bekannt unter dem Kürzel EnBW (Endabnahme Brammbichler Walle). Der Heuhubler Gustl nähte fortan die Kleider aller Leute, indem er unter für Dorfbewohner unwürdigen Bedingungen produzierte, indem er die unwürdigen Bewohner anderer Dörfer für sich arbeiten ließ, und bald war jeder Stofffetzen im ganzen Umland mit Heuhubler & Menschenpack etikettiert. Alle Schubkarren im ganzen Umland wurden vom Zwirnzwurbler Benzl aufgekauft und mit einem hübschen Logo aus Messing auf Hightechstandard gebracht. Die Grashupfler Gundl, also Waldwurzelwiebkes verkommene kleine Schwester, gründete ein hochmodernes Pharmaunternehmen, indem sie alle möglichen Gewächse, die sie im Umland finden konnte, stampfte, presste, quetschte, kaute, zu Kügelchen formte und profitabel unter die Leute brachte. Und der Torftobler Ede, zuvor nur einfacher Dorf-Messi, machte aus seiner Bruchbude voller Gerümpel „Ede’s Kaufhaus renitenter, wertloser und alter Dinge“, was brüllend gut ankam unter den Leuten.

Jedoch hatten auch diese Neureichen ihre ganz alltäglichen Sorgen und Nöte, und ein jeder ward vom Schicksal schwer drangsaliert. So hatte ’s Brammbichler Seppl schon seit Jahren einen deutlich sichtbaren Kreis auf sein Dach gemalt, und doch wollte kein einziger Hubschrauber darauf landen. Sein armer Bruder Walter sah sich vermehrt Protesten ausgesetzt und seine Arbeitmethoden öffentlich angeprangert, er durfte seine Endlager schon bald nicht mehr einfach vor jede Haustür kippen. ’s Heuhubler Gustl musste schon bald auf Kinderhände zurückgreifen, um der Nachfrage an H&M-Loden nachzukommen, und man kann sich denken, dass Kinder ungeschickter nähen als Erwachsene. Dem ärmsten Zwirnzwurbler Benzl wurden schon Stucker drei Messing-Logos von Schubkärren gerissen, Taten von ungesehener Unmenschlichkeit, irgendein Siebenkäs’ soll sogar damit geprahlt und es sich um den Hals gehängt haben, ward drum auch geteert und gefedert aus dem Dorf gejagt. Die ärmste Grashupfler Gundl hatte nicht länger Eier aus eigener Haltung, da all ihre Hühner nicht mehr legten, seit sie im Dienste der Kügelchen-Forschung ihre Schnäbel hinhielten. Und der ärmste Torftobler Ede musste schon längst andere Messi-Hausstände aufkaufen, um der Nachfrage an billigem, nutzlosem Klump hinterherzukommen, von dem ja die meisten inzwischen lebten. Drum musste der Ede die Löhne kürzen, was vom undankbaren Mob in seinem Egoismus klagend aufgenommen wurde. Doch geht einer mit Reichtum schwanger, sollte man rasch die Arbeitsbedingungen seiner Angestellten verschlechtern, möchte man dem Kinde nicht schaden.

Und auch ihre Geschwister und Kussengs im Politikbetrieb hatten es schwer, ein jeder hatte zu Zeiten seine bitteren Gründe zur lebensgefährlichen Schwermut. So warb die Kanzlerin seit Jahren schon um’s Brammbichler Seppl mit seiner stattlichen Bank, doch der Griebel verstand noch nicht einmal die Signale. Ihr getreuer Brammbichler Schäubl fand nach jahrelanger und eingehender Prüfung heraus, dass er viel schlauer war als ein normaler Bauer, doch komischerweise interessierte diese Erkenntnis nur wenige, darob ’s Brammbichler Schäubl zum Choleriker wurde. ’s Brammbichler Horstl vergaß bei zunehmender Macht immer mehr, wofür er überhaupt taugte, wozu er früher da war und wie weit sein Zenit und seine Mundwinkel denn noch nach oben sollen. Dagegen wäre ’s Brammbichler Karle ja so gerne wieder präsent gewesen, am liebsten ja omnipräsent, durfte sich aber nicht einmal im Dorfe aufhalten, wollte er seinen PR-Beratern trauen. Die noch unerwähnte Brammbichler Ursl, von den meisten liebevoll die fahle Falbe genannt, hatte von allen Frauen im Dorf die meisten Bälger am Ranzen und war trotzdem noch dazu fähig, alle Arbeitlosen im Dorf, von denen es nicht wenige gab, durch pure Wolkenzählerei vollzubeschäftigen, wirkte aber zunehmend kränklich und war auf Dauer schier nicht mehr anzugucken. Die gerade mal zwölfjährige Brammbichler Schröderl wurde von der eisernen Kanzlerin in den knallharten Politikbetrieb geworfen, um mit Putzigkeit zu punkten. Welche Auswirkungen das auf ein armes kleines Mädel gehabt haben muss, lässt sich oft erst feststellen, wenn es erwachsen ist. Und vom Brammbichler Wulffl wollen wir gar nicht erst anfangen, aber es erging ihm ähnlich schlecht wie anderen Wölfen in anderen Märchen.

Doch nicht nur die Union hatte es schwer, alle anderen Familien darbten hart unter dem Politikbetrieb. Zu Zeiten des Märchens am meisten natürlich die Zwirnzwurblers. Was hatte die letzte Zeit ihnen an Ansehen gekostet, was war geschehen, dass man ein Heidukken-Rösl zum Vorstand erwählte? Es soll davon erzählt werden:

Als also vor zehn Jahren die neue Ordnung des Dorfes begründet ward und sich jede der sechs Familien mit voller Energie ihrem Platz in der Geschichte widmete, da waren es die Zwirnwurblers, die das neue Denken von Politik und Wirtschaftlichkeit am meisten prägten, indem sie mit schwerem Gerät und Kiesel das Flüsschen im Westen stauten und zum Wohlstandsbecken umleiteten, wodurch zwar die Lebensader des ehemaligen Dörfchens zerstört, das erste Großprojekt des neuerlichen Dorfes jedoch verwirklicht wurde, ohne dass jemand darunter hätte leiden müssen, da ja die neuen Handelswege die neuen Lebensadern des Dorfes waren, nur dass nach neun Jahren der Damm brach und eine Welle das halbe Dorf begrub, was hauptsächlich den Zwirnzwurblers angelastet wurde, und so litten sie und ihr guter Ruf auf unbestimmte Zeit unter der sogenannten Westerwelle.

Von morgens bis abends absolut inhaltslose Laute ohne Sinn und Verstand herausblöken kann gemeinhin jede gewöhnliche Kuh und so waren die Zwirnzwurblers froh um die besondere Goldschnute vom Heidukken-Rösl, wobei nicht einmal die menschliche Sprache oder das logische Denken vergewaltigt wurden wie in heutigen Tagen, wenn ein Zwirnzwurbler sein verkommenes Maul auftut. Ein wahrer Segen für die damaligen Bauern, von dem sie nichts wussten, hatten sie doch schon ganz andere Sorgen und Nöte zusammengebastelt, um ihr neuerliches Leben zu gestalten, denn auch für das gemeine Volk hatte sich viel verändert in den letzten zehn Jahren.

Zunächst einmal gab es plötzlich gemeines Volk. Das gab es zuvor nicht. Demnach also auch ungemein besseres Volk, an Zahl natürlich geringer, dafür aber von größerem Einkommen, es wurden die meisten bereits genannt. Und diese benötigten natürlich eine große Anzahl an niederem Menschengevölk, um ihren neuerlichen Luxus überhaupt erst möglich zu machen. „Deswegen macht unser Herrgott mehr arme Leute als reiche, weil ein großer Herr oft 20, 30, 40 Diener vonnöten hat.“, um auch mal ein Zitat eines geistreichen Barockdichters einzustreuen. Durch diese Vorgänge driftete das Dorf über Jahre also sozial auseinander, nicht merklich, kaum spürbar, keiner hätte überhaupt sagen können, wann genau sich eigentlich etwas geändert hätte seit den euphorischen Höhenflügen um Brammbichler Fritzls Bürgermeisterwahl, und genau da lag der Hund begraben. Seit der glorreichen Staatsgründung elektrisierten sich die Massen an der Idee vom ungeheuren Wohlstand für alle und doch nahm keiner wahr, dass er nur für ganz wenige existierte. Den meisten erging es sogar wesentlich schlechter als vormals, hatten sie schließlich ihr idyllisches Bauernleben gegen eine Lohnknechtschaft eingetauscht, die sie kaum mehr ans Tageslicht führte, und doch verwunderten sie sich nicht darüber, denn sie glaubten ja an die Idee vom ungeheuren Wohlstand, der für jeden erreichbar schien. Man möchte seinen Ohren nicht trauen, aber das gemeinste Volk liebte es sogar, den unsinnigen Reichtum ihrer Eliten zu bewundern, während es in Armut siechte, und knuffige Aquarellmalereien auf Pappe von den hiesigen Prachtvillen der Politiker und Unternehmer, die nun endlich das zuvor so nutzlos der rauen Natur überlassene Tal verschönerten, verschönerten die verschandelten Hütten der Trostlosen, da sie ja sonst nichts schönes hatten, ja noch nicht einmal Exclusiv Weekend, lediglich Aquarelle.

Die neuen Reichen hatten dagegen weder geistige Gaben noch sonstige Talente, durch die sie sich rein innerlich, also ohne den äußerlichen Reichtum, abgehoben hätten, was einen moralischen Zerfall der Gesamtgesellschaft nach sich zog, da nun jeder annahm, sich menschlich nicht verbessern zu müssen, um der heilskündenden Idee vom Wohlstand gerecht zu werden, es waren also beinahe schon heutige Verhältnisse, wodurch man jedoch nicht dazu verleitet werden darf, diesem urtümlichen Volke das nötige Mitleid zu entziehen, hatten diese armen Maden schließlich immer noch kein Plastik. Moralischer Zerfall ist aus heutiger Sicht natürlich ein unerheblicher Kollateralschaden vom Kapitalismus, man ist längst darin geübt, ihn bereitwillig hinzunehmen, doch so manch gutmütigen Trottel von damals verschlug es ab und an das Gemüt mit finsterem Gewölk.

Dem Brammbichler Fritzl zum Beispiel. Der war zwar noch nicht völlig ins gesellschaftliche Abseits geraten, war hin und wieder noch gefragt, saß da und dort in ihrer Mitte, schmauchend und rollend, rauchend und schmollend, doch der Altkanzler sah sich zunehmend schweren Gewittern im Inneren ausgesetzt. In ihm gärte etwas, von dem er nicht sagen konnte, was es war, etwas, dass sich nur in seinem Geiste abspielte, also völliges Neuland fürs Brammbichler Fritzl, und schließlich waren selbst Menschen wie Platon oder Erasmus von Rotterdam nur schwer in der Lage zu sagen, was es war, und zu sagen, was es war, für einen, der weder vom toten Platon noch vom noch nicht einmal geborenen Erasmus je gehört hatte, war also umso schwerer, denn er wusste ja nicht einmal, dass einem Menschen so etwas passieren konnte, dass etwas in einem gären konnte, über das man nur schwer in der Lage war zu sagen, was es war, war fürs Brammbichler Fritzl also noch viel schwerer als zum Beispiel fürs Schiller Fritzl, der seine Gärprozesse durch Kenntnis von Platon und Erasmus schwer erleichtern konnte, oder für einen Mystiker wie Meister Eckhart, der von Erleuchtung gleich so sehr zugeschissen war, dass er stundenlang einzig und allein mit dem Wort „sein“ nachdenken konnte; will alles darauf hinaus, dass sich die Gärung vom Brammbichler Fritzl zur ungeheuer mühseligen Tortur auswuchs, die ihm einem Blutegel gleich über zehn schreckliche Jahre alle Energie aussaugte. Nach all diesen Strapazen konnte er zwar immer noch nicht sagen, was es war, aber die Erkenntnis, dass da tatsächlich etwas war, von dem selbst ein kluger Kopf nach Jahren des Grübelns nicht sagen konnte, was es war, schmiss ihn eines Nachts aus dem Schlafe heraus schier bis zur Zimmerdecke.

Die Verwandlung vom Brammbichler Fritzl hin zum Erleuchteten war natürlich zu schlagartig für den Rest des Dörfchens, um sie genug als einen Paradigmenwechsel in der Geschichte der Erkenntnistheorie zu würdigen, er galt fortan als schrullig. Kommt einem ein kluges Wort in den Sinn und gleichzeitig die dumme Idee, es gleich herauszuposaunen vor jedem Deppen, dann handelt es sich um keine gute Entscheidung und genau die traf auch das Brammbichler Fritzl. „Haltet ein!!! Laiderln!!!! So haltet doch ein!!!“ Mit solch wirren Rufen und noch viel wirrerem Gefuchtel mit allem, was an Gliedern zur Verfügung stand, sprang er fortan durch die Gassen und erreichte doch nur wenige. „So haltet!! So haltet!!“ Es war einfach zu viel der Erkenntnis, um es den Menschen schnell und auf den Punkt gebracht vorzutragen, und ’s Brammbichler Fritzl barst vor Erkenntnis, wie sollte denn jemand aus der Flut der Erleuchtung, die von seinen Lippen strömte, lesen können, wenn doch keiner bereit war, auch nur eine Sekunde zuzuhören? „Gehalten!!! Laiderln!! So haltet doch ein!!“ Fand sich einmal über Minuten ein Zuhörer, so wurde das belustigte Kind ja doch wieder von der zornigen Mutter hinweggezogen und bitter traf das Brammbichler Fritzl all das „Darob darfsch fei nedd lacha, Bub, des isch Demenzia, des isch fei nedd schee!“. Wie sollte er unter diesen Umständen jemanden erreichen? Wie die große Umkehr prophezeien? „So haltet!! Eingehalten!!! Eingehalten!!“. Jedoch das dumme Volk verstand die erhabenen Worte nicht, das dumme Volk ging gleichgültig seiner Wege.

Die Politik ging ihrer Wege, mehrere existenzielle Katastrophen bahnten sich an, da man nach nur zehn Jahren jegliche Grundlage für spätere Existenzen zerstört hatte, aber doch flutschte das Öl fidel im geschmierten Politikgetriebe.

Die Unternehmen nahmen ihren Lauf, etliche Meilen zogen sich die Dörfer hin, die unter den neuen Reichen in besagtem Dörfchen zu leiden hatten, je weiter entfernt sie waren, desto größer ihr Elend, zwar noch nicht mit der sensationellen Reichweite einer globalisierten Welt, aber immerhin einer territorialen Reichweite mit ordentlicher Schlagkraft, hammergleich zerschmetterte der neue Reichtum eines einzigen Dörfchens wunderschön meilenweit entfernte Siedlungen und es floss aus unergründlichen Quellen das labende Nass des Wohlstandes über die wundersam gepellten Häute der wenigen Geschäftsleute.

Alles nahm seinen Lauf, darum hatte man ja einen mächtigen Verwaltungsapparat geschaffen, damit beim lustigen Höllenritt in den systematischen Untergang bloß keine sinnvollen Unterbrechungen möglich waren, bloß keiner Einhalt gebieten konnte, nicht einmal das Brammbichler Fritzl mit seinen wirren Reden. Dessen Cousine, die Brammbichler Merkl, trieb gelassen wie ein Papierschiffchen auf dem Bächlein der Macht, gab sich ganz allen Strömungen hin und hatte drum auch ähnliche geistige Aktivitäten wie ein Papierschiffchen, da war kaum Platz für größere systemhinterfragende Überlegungen. Und auch alle anderen Politiker waren so sehr in Liebe zu ihrem neuen Status entflammt, dass nur ein Scheusal das junge Glück in seiner jauchzenden Libido hätte voneinander trennen wollen. Hätte denn einer dieser neuerlich Höhergestellten schlicht wieder ein einfacher Bauer werden sollen, der er war? Wohin dann mit all dem neuerlichen Wohlstand? Und was hätten all die armen Leute neuerlich zu tun gehabt, wenn sie nicht von morgens bis abends für den Reichtum weniger hätten buckeln dürfen? Sich einfach wieder nur für’s Essen zu buckeln galt ja selbst den Gemeinsten inzwischen als zu bäuerlich. Drum wurde das System zu halten zur alles beherrschenden Devise der Mächtigen und durchzuhalten die des gemeinen Volkes, einzuhalten die Devise vom Brammbichler Fritzl und das Maul zu halten galt dem Rest der Welt.

Was blieb, als den Platz zu räumen, vormals Großer Platz, itzo Marktplatz. ’s Brammbichler Fritzl wand seinen Rücken gen Dorf und ging in die Berge, was blieb ihm anderes übrig. Hoch droben bei den Gemsen thronte er fortan auf kargem Fels und zerrieb sich den Flauschebart, was er hoch droben auf den Kisten thronend wohl falsch gemacht hatte, vor nunmehr zehn Jahren, und er tat es richtig tüchtig sinnend wie ein ordentlich weiser Greis, alle Gemsen waren schwer beeindruckt. Damals hatte er den Großen Platz umbenannt, der außer dem Namen keine besondere Großartigkeit besaß, als die, die man sich daraus machte. Schließlich war da ja auch nichts als die größte Lücke des Dorfes zwischen Häusern. Und doch machte man sich so einiges daraus, nicht aus dem visuell Wahrnehmbaren sondern eher aus dem emotional Spürbaren, eine große Sache eben, gipfelnd in der Bezeichnung Großer Platz. Daraus nun einen Marktplatz, also eine visuell wahrnehmbare aber kaum mehr emotional spürbare Sache zu machen, hatte vielleicht größere Konsequenzen, als ein auf Kisten gehobenes und sturzbachbesoffenes Brammbichler Fritzl in seinem damaligen Größenwahn hätte wahrnehmen können, und drum darbte das vergreiste Brammbichler Fritzl in seinem jetzigen Elend zu Recht im Wahn unter Gemsen. Sein Herz schwomm in trüber Soße, sein Gemüt glitt ab in die Geröllhalde der Schwermut. Sein Geist vermochte dadurch Wunderbares. Zwar war sein Bergdomizil unerreichbar für jedermann, also auch für Wissen, ob in Buchform oder als Songtext, doch trotzdem gebar sein geprügelter Geist so manch humanistisch anwirkendes Baby, sein Denken ging in die Höhen, sein Verstand kam daher mit guten Einfällen, immer noch kaum anwendbar, soweit war das Baby noch nicht großgenuckelt, aber doch mit Potential, man muss darauf hinweisen, dass Fritzl bereits die Waldwurzelwiebke für seine Ideen rekrutierte, sie wohnt seit Wochen bei ihm in den Bergen unter den Gemsen, man vergaß, es zu erwähnen. Es ging harmonisch zu unter ihnen.

Und während sich droben bei den Gemsen ein menschlicher Verstand hin zu göttlichen Sphären aufschwang, überholten sich drunten im Tale die Menschen in ihrem freien Fall hinab in seelische Abgründe. Die meisten hatten inzwischen vergessen, wie sich das echte Leben anfühlte, die meisten nahmen ihre Existenz nur noch als riesenhafte, unheimliche Statusleiter wahr, als ein unendlich in den Himmel ragendes Ungetüm, dass man aus unauffindbaren Gründen erklettern musste, um zu existieren, und je höher man sie erkletterte, desto benommener sah man die Welt, desto schwindliger wurde alles, man traute sich aber auch nicht zurück in die unheimliche Tiefe, da kam man schließlich her, was sollte man da, hing also mitten im Himmel fest, die einen weiter oben, die meisten sich zitternd und winselnd an die unteren Sprossen klammernd, die Leiter dabei selbst am Schwanken, kein Ziel in Sicht und keinerlei vernünftiger Grund, ein solch monströses Konstrukt überhaupt bestiegen zu haben, es muss sie alle innerlich aufgefressen haben, obwohl sie äußerlich einen propren Eindruck machten, wie sie da so an der Leiter hingen.

’s Brammbichler Fritzl hing zwar auch in schwindelerregenden Höhen, jedoch waren seine Gedanken geerdet und seine Seele gesund. Nach Jahren unter den Gemsen, nach Jahren auf dem Berg, auf kargem Fels thronend und den Flauschebart zerreibend, aldelte sich ’s Brammbichler Fritzl durch stetes Nachgrübeln zum Vollweisen. Sein Geist sah nun alles in glasklarer Reinheit, wie ein proprer Stoiker hatte er sich, sein Sinnen und Trachten mit der Natur in Einklang gebracht und war nun schwer geplättet, was für Wunder sich ihm auftaten. Tiefgreifende Erkenntnisse gingen ihm leichter raus wie Pfürze, Antworten auf die tiefgründigsten Fragen der Menschheit flogen ihm leichter zu wie Tretminen in Dritte-Welt-Ländern und wahrscheinlich war kein Mensch zu Zeiten des Märchens auf der großen weiten Welt gescheiter als ’s Brammbichler Fritzl, doch wie sollte er der Welt damit helfen? Was sollte all der Einklang mit der Natur, wenn alle anderen gerade den Ausklang der Natur vollzogen? Wie sollte man sie überzeugen, eines Besseren belehren, wenn man hoch droben bei den Gemsen weilte und sie da unten im Tal gerade die schöne neue Welt erschufen, die sich von oben betrachtet wie die Hölle auf Erden ausnahm? Müsste man gar ins Tal herunter?
Kein Erleuchteter ist vor neuen Erkenntnissen gefeit, ’s Brammbichler Fritzl war brutal überfordert mit dieser Wendung des Schicksals. Runter ins Tal hieß runter zu schönen neuen Menschen, vor dessen Anblick allein schon dem Brammbichler Fritzl graute. Sie hatten ihre alten Trachten abgelegt, die zum schnellen Wandel der Zeit nicht mehr passten, alle liefen sie in lächerlichen quietschbunten H&M-Loden herum, obwohl sie sonst immer noch ihre alten Bauernhackfressen trugen, nur eben stolzer, strahlten aus hehrer Selbstliebe statt aus Ehrfurcht vor der Schöpfung, dem Brammbichler Fritzl ging beim bloßen Gedanken daran die Galle über. Selbst die Waldwurzelwiebke ertrug er ja irgendwann nicht mehr, schickte sie schon nach wenigen Wochen völlig entnervt von den Gemsen weg ins Tal zurück, es ist bereits fünf Jahre her, man vergaß es zu erwähnen.

Und was sollte er überhaupt mit ihnen sprechen? Ihre komplette Kommunikation hatte sich in den letzten Jahren auf die schnöde Weitergabe sinnleerer Inhalte reduziert, kam einem mal der Gedanke, über etwas mit Bezug zur Realität zu sprechen, wurde er auf Nimmerwidersehen in die Eso-Ecke geschickt, und doch war das Geschwätz größer denn je zuvor. Man laberte sich dermaßen in die neuerfundenen Pflichten und Tätigkeiten hinein, dass die eigentliche Sprache mal wieder so sehr verrohte, als hätten sich im Römischen Reich schon wieder die Christen durchgesetzt, den Brammbichler Fritzl packte es hart an seinen seelischen Eiern, dass er und seine Zeit immer noch voll im Drecks-Mittelalter festhingen und schon dabei waren, gleich das nächste einzuläuten, und das ohne hundert Jahre lustige Bedenk- und Beobachtungszeit wie bei uns Heurigen. Also was zur Hölle sollte er ihnen eigentlich sagen, wenn er erst mal unten war?

Und was sollte er ihnen überhaupt vorschlagen? Eine Rückführung auf ihre Wurzeln schien so unglaublich sinnvoll und naheliegend, doch er sah sehr wohl, dass sie alle das nicht begreifen würden. Jahrhundertelang hatten sie gesät und der Natur freudig beim Wachsen zugeschaut, doch nun war Wachstum etwas völlig anderes, das Dorf wuchs in die Natur hinein und je mehr es ihr abnahm, desto freudiger war der Mensch über diesen verheerenden Erfolg. Nur das man das richtig versteht, sie ersetzten die Stellen, wo Dinge von sich aus wachsen konnten, mit Dingen, die von sich aus gut und gerne verrotten aber leibhaftig nicht von sich aus wachsen können, und nannten diesen brutal gegen jegliche Form von Wachstum gerichteten Prozess dann auch noch Wachstum. Da haut’s einem doch den Schalter raus. Dem Brammbichler Fritzl jedenfalls versank beim bloßen Gedanken daran die müde Seele im tiefsten Permafrost.

Was wollte er überhaupt von diesen Unbelehrbaren? Zwar hatten sie inzwischen immerhin soviel von ihrem eigenen Elend begriffen, dass sie endlich die Zwirnzwurbler-Meute aus dem Dorf jagten, selbst er hatte droben auf dem Berg die Rauchschwaden gesehen, als im Tale eine Gaudi wie damals vorm Berg Sinai veranstaltet wurde, nur dass kein Kalb angebetet sondern das Heidukken-Rösl unter frenetischer Massen-Ekstase geschlachtet und aufgefressen wurde. Doch im gleichen Augenblick krönte das saudumme Volk seine ewige Muddi, die Brammbichler Merkl, endgültig zur Königin, machte das Papierschiffchen zum Bach der Macht und wartete genüsslich mit den Händen hinterm Kopf verschränkt und mit blanken Weichteilen auf die Welle, auf dass sie ihre Gemächte lustig umzirpe. Sollte man sich nicht geradezu über die unerwartete Monster-Welle freuen, die sie in die Verdammnis reißen würde?

Aber ’s Brammbichler Fritzl war kein Weiser vom Schlage des Demokrit, der sich über die Dummheiten seiner Artgenossen bekanntlich mit Lachen hinwegtröstete, er schlug mehr in Richtung Heraklit aus, dem heulenden Philosophen, und schwamm dadurch so sehr in seiner schwarzen Galle, dass die Gemsen den eingegangenen alten Mann manchmal nicht von seinem verkrüppelten Wanderstock unterscheiden konnten. Aber was half das schon.

Er ging tief in sich, was es denn zu tun gebe für den Menschen am Ende aller Zeiten, ob da überhaupt noch irgendwas taugt oder ob’s mit einem Freitod auch getan wäre oder ob’s eben doch die Pflicht wäre, etwas zu tun, um das Schlimmste zu verhindern, aber für ’s Brammbichler Fritzl war das Schlimmste längst eingetreten, er sah ja das erste Aussterben der Natur, Aussterben, nicht nur Sterben sondern gleich voll und ganz Aussterben, diesem frühsten Hippie waren schon die allerersten Anzeichen der Zerstörung unlöschbares Höllenfeuer, doch brannte sein Herz für den Rest und drum musste er schnellstmöglich ins Tal runter, um das Ende aller Zeiten wenigstens zu entschleunigen.

Doch all die Mühen ohne jede Sicht auf Erfolg. Hätte er doch schlichtweg einen Fels absprengen und das ganze Dorf unter einer Gerölllawine begraben können, um das ganze Elend zu beenden, Unmenschlichkeit hin oder her, doch die Idee selbst wurde begraben, es fehlte schlichtweg die Kraft oder der Wille oder die Hebelgesetze, wie gesagt war ’s Brammbichler Fritzl inzwischen Philosoph, also für nichts Praktisches mehr zu gebrauchen, er musste schon selbst ins Tal.

All diese Widrigkeiten hin oder her, er machte sich auf ins Tal, denn er schien es nach all diesen Überlegungen zu müssen. Doch was dann passiert ist, bleibt ein Mysterium wie bei so manch anderem Märchen, denn urplötzlich schwängerte der Himmel dichte Wolkenschwaden, ließ sie den Hang hinabziehn und die Szenerie verdunkeln, uns die weitere Sicht auf ’s Brammbichler Fritzl vernebeln, kein Scherz, er entschwindet unserem Blickfeld und jeder weiteren Beurteilung, er bekommt keinen großen Abgang, nur den von den Gemsen weg hinab ins Tal, er entflieht bereits der Erinnerung.

’s Brammbichler Fritzl war also urplötzlich verschwunden, vom Erdboden verschluckt, vom bösen Wolf gefressen, von fiesen Waldfeen vergewaltigt oder immer noch geraden Wegs runter ins Tal, man weiß es nicht.

Und wenn er den Abstieg nicht überlebt haben sollte, dann sterben sie noch heute.