Wenn man losspringen will, um die Welt zu verändern, wo fängt man an? Wie fängt man an? Da gibt’s jede Menge Baustellen, also muss man erst mal drüber nachdenken, und da beginnen die Probleme, denn wir wurden im globalen Denken erzogen. Das heißt, meistens beginnen wir unsere Überlegungen weltumspannend, weil wir’s gewohnt sind, uns als Mega-Hippie-Weltgemeinschaft und Multikulti-Gesamtmenschheit zu betrachten, die ständig kurz vorm Aufbruch in neue Zeitalter steht, dabei ist’s bloß ein riesiges Mediengespinst, dass wir verkümmerten Individual-Nesthocker als wärmendes soziales Gebilde durch Bildröhren wahrnehmen, und nur die unzählbaren weltzerstörerischen Konsumprodukte werden ständig ins nächste technische Zeitalter geschickt, während die Menschen schön stillstehen und verrohen wie im Mittelalter. Zudem denken wir Weltverbesserer-Hippie-Kotzkrüken ständig, dass wir, ja gerade wir Riesenarschlöcher was tun sollten, jetzt mal irgendetwas bessern sollten, und jemand, der denkt, dass er etwas bessern kann, muss der Überzeugung sein, gut zu sein, ja im Grunde besser als die zu bessernde Sache, sonst wäre ja die Absicht allein schon behämmert, also was zur Hölle bilden wir uns ein?!

Man glaubt, helfen zu müssen, den Menschen in Afrika zum Beispiel, wenn allein die Kosten, um unsern verdepperten Arsch vor Ort zu bringen, alles übersteigt, was ein Dorf für Monate zum Überleben braucht, um dort bitteschön was eigentlich zu tun? Brunnen graben oder was? Allein die Kosten, um unsern verwöhnten Arsch dort unten unter heißer Sonne taufrisch zu halten, übersteigen völlig den Nutzen, den im Grunde genommen jeder x-beliebige sich noch so wichtig dünkende Vollhorst-Europäer mit seinem x-beliebigen noch so wissenschaftlichen Pseudo-Wissen hinunterbringen würde. Aber dieses globale Denken geht halt voll schlecht aus der Hirnschale.

Man will etwas verbessern, bei sich im eigenen Land. Das ist ebenfalls ein Schnellschuss, wir sind 80 Millionen Vollidioten, selbst bei den paar Griechen in Athen war Staatenumspannendes nur was für Kaliber wie Perikles, das ist viel zu groß gedacht.

Man will etwas verbessern bei sich in der Stadt, im Dorf. Da wird’s schon besser, ist aber meist immer noch ein Schnellschuss, man will immer noch losspringen, um irgendetwas zu tun, denkt dabei natürlich nur an moderne Maßnahmen, sprich politisch handeln, über Partei, Verein, Sport am End, Jugendclub, all das Gedöns, will unbedingt etwas tun, tut neben Selbstunterhaltung aber doch nicht viel mehr als der altägyptische Beamte, dessen Zahlenkolonnen für irgendeine Sklavenkolonne zur Aufrichtung irgendwelcher Pyramiden geführt haben mögen, der dabei aber trotzdem viel mehr getan hätte als alle wir saudummen Vollhorste zusammen, die wir mit jedem noch so ernst gemeinten Natur- und Umweltbund doch nur immer die letzten Reste natürlichen Lebens kaputtgestalten, die in einem monströsen Beamtenbetonklotz von Welt übriggeblieben sind.

Und doch ist es natürlich, dass wir handeln wollen, dass liegt aber nicht daran, dass wir so jenseits tittengeile Gutmenschen sind, sondern daran, dass uns die sonstigen Handlungen, die wir im Leben tätigen, kein bisschen befriedigen. Wir wollen leben, weil leben aus handeln besteht, allein dadurch sollte uns Volldeppen klar werden, dass wir in einer Dienstleistungsgesellschaft fast alle von morgens bis abends rein gar nichts tun. Wenn wir morgens auf den Acker und in den Stall müssten, dann hätten wir aber mal so was von zu handeln, mit unseren puren Händen, von denen sich der Begriff Handlung indirekt ableitet, über den Umweg des Singular. Dabei würden wir das spüren, wonach es uns sehnt, wenn wir statt quadratische Grünflächen bewässern und Bauklötze bewohnen manchmal zu leben wünschen. Aber den ganzen Schmodder haben wir uns selbst zuzuschreiben. Dafür gibt’s für uns Riesenbabies jeden Tag tolle Geschenke, denn kein Unterschied besteht darin, ob man vor dreihundert Jahren ein verwöhntes Prinzesschen im Spielzeughaufen war, die jeden Tag ein neues Pony bespringen durfte, oder ob man heute jeder x-beliebige moderne Mensch ist, der sich mit einem Übermaß an Fleisch mästet und sich noch mit zig Leckereien zusätzlich belohnt, der wie der römische Lustknabe auf dem Sofa hängt und durch die Bildröhre für sich tanzen und schreien lässt, das gleiche beim Ballerspiel befriedigt wie der Römer in der Arena, und analog dazu das verhurte und in jeder Hinsicht grottenschlechte Shopping-Selbstbeschenke vor allem der Frauen, als tägliche Belohnung für eigentlich was genau? Eine gewöhnliche Dusche hätte jeder Mensch der letzten Jahrtausende als königliches Geschenk betrachtet, und wir betrachten das tägliche Abrufen all unserer Wünsche, bis auf Sandstrand vielleicht, als gewöhnliche Gabe Gottes und halten uns dann auch noch für jenseits tittengeile Gutmenschen. Nur gut, dass das keiner von früher hört, und noch besser, dass es wissenschaftlich gesehen keine Hölle gibt, die würden auf uns ja alle mit den Messern zwischen den Zähnen warten. In Gefängnissen geht’s den Sissies nämlich immer besonders dreckig, und die Hölle wäre eins mit besonders verzweifelten Mithäftlingen.

Wenn man die Behauptung aufstellt, dass beim modernen hochentwickelten Menschen das moralische Denken vielleicht schon seit fünfzig Jahren komplett ausgestorben ist, da käme doch wahrscheinlich irgendeine cholerische Reaktion. Aber woher genau bezieht der heutige Mensch so etwas wie Moral, und wie kommt er überhaupt auf die Idee, so genau zu wissen, was es ist? Schließlich ist es ein Begriff, damit können die meisten heutzutage nicht recht umgehen. Muss man jetzt in die Untiefen geistiger Umnachtung hinabsteigen, um an Schlagersängern, Liebesfilmen und TV-Serien zu verdeutlichen, dass auf diese Art von Mainstream-Kultur-Aufnahme das Aufkommen von moralphilosophischen Gedanken eher verhindert als gefördert wird? Hoffentlich nicht!

Wenn man nun sogar die Behauptung aufstellt, dass eine Person, die im Biomarkt einkauft, und zwar bewusst, unter Umständen auch keine Moral hat, oder noch doller, sogar eher sittlich schlecht als recht einzuordnen wäre, so muss wahrscheinlich erklärt werden, was man mit sittlich meint, Sitte ist schließlich auch ein Begriff. Gut und böse tut’s aber auch. Jedenfalls wäre da mehr als eine cholerische Reaktion zu erwarten. Aber folgendermaßen ist es gemeint. Wir Sesselpfurzer haben keine Ahnung von Gut und Böse, wir werden in einem riesigen Kinderzimmer herangezogen und verlassen es zu Lebzeiten nur mit jenseits Ausrüstung, man kann davon ausgehen, dass der heutige europäische Durchschnitts-Urlauber bei seinem lustigen Gang in ferne Länder jeweils ähnlichen Aufwand und brutale Verschwendung hervorruft wie, analog umgerechnet, dazumal der reichste Lackaffe mit der bleichsten Visage, sei es ein König, Großfürst, Kreuzfahrer oder Erzbischof gewesen, wenn er auf dicke Hose durch’s Land reiste, wenn man’s nur haarklein analog umrechnet. Aber wie kann nun der Biomarkt-Kunde sittlich gebessert werden, welche Behandlung müsste da her und wie wäre er davon zu überzeugen, dass er eine nötig hat, was diffiziler wäre als die Behandlung selbst.

Mal angenommen, man hätte den Biomarkt-Kunden gerade auf eine Folterbank gespannt und somit Zeit zum Reden, folgendermaßen wäre er vielleicht zu überzeugen:
Um vielleicht mal mit Seneca anzufangen: „Quid ergo?“ Oder vielleicht besser auf deutsch: „Was also? Hat uns die Natur einen so unersättlichen Magen gegeben, obwohl sie uns so unbedeutende Körper gegeben hat, dass wir die Gier der riesigsten und gefräßigsten Tiere übertreffen?“ Soviel zur Fresssucht von Seneca, aus dem 61sten Brief über die Moral übrigens, und kurz drauf noch was zu den Sesselpfurzern: „Es lebt der, der vielen von Nutzen ist; es lebt der, der sich selbst richtig gebraucht; die sich aber versteckt halten und in träger Ruhe verharren, sind in ihrem eigenen Haus so wie in einem Grab.“ Der hat gesessen! Aber mal was anderes, hast du vorher eigentlich schon zugehört?

So in etwa würde man den Biomarkt-Kunden auf der Folterbank vielleicht überzeugen. Denn es geht ja nicht darum, gesund oder korrekt eingekauft zu essen, dass können wir selbst viel zu wenig beeinflussen, weil wir globalen Vernetzungen von Lebensmittelströmen unterliegen, die keiner mehr blickt, und das macht auch kein Biomarkt wieder wett. Was wir aber beeinflussen können, auch wenn es uns handlungsbedürftigen Weltverbesserer-Vollhopfen furchtbar wenig erscheint, ist die Art, wie wir essen. Mit so ein bisschen aufrichtigem schlechtem Gewissen ändert man wiederum sein Konsumverhalten sowieso nach Kräften, tut dann endlich wirklich das Beste, nämlich immer sein Bestes, nach eigenen Kräften und muss lediglich dahin kommen, es tatsächlich aufrichtig zu meinen mit dem schlechten Gewissen, da fängt alles an. Denn so lange wir uns jetzt momentan für die allerbesten Pimmelfritzen halten, die die Erde je gesehen hat und wegen denen sie dann auch getrost verrecken darf, gehen wir ähnlich in den Bio- wie in den Supermarkt, weil wir uns in beiden Fällen nicht darüber wundern, dass da so granatenmäßig viele Sachen zum Essen rumliegen. Die Altvorderen haben sich noch beim kümmerlichsten Mahl selbst so sehr gewundert, dass sie darüber ins Beten verfielen, wir fressen in dem Sinne sowieso jedes Mal wie die Säue, weil wir es im seltensten Falle unbedingt brauchen und somit prassen, mit etwas, dessen Mangel Menschen direkt sterben lässt, und zwar wesentlich schneller als der Mangel an Ballerspielen. Mit schlechtem Gewissen wiederum würde dieses Prassen mit allen Kräften kanalisiert, nur dass es halt nur Menschen mit Moral besitzen, also momentan auf Erden viel zu wenige.

Betrachten wir Sesselpfurzer zum Beispiel die moralische Erziehung. Wenn man Jugendliche heutzutage hauptsächlich durch Medien erzieht, denn in Schulen werden ja vor allem technische oder naturwissenschaftliche Dinge gelehrt, da kann von Erziehung ja genauso wenig die Rede sein wie bei der der meisten Eltern, die sich auf’s Rot-stehn-Grün-gehn beschränkt, wenn also Jugendliche hauptsächlich mit dem erzogen werden, was unsere Kultur eben liefert, nämlich hauptsächlich Anschauungsmaterial auf Bildschirmen, und wenn da der Input an zum Beispiel Zombie-Filmen natürlicherweise schnell größer ist als der Input an zum Beispiel moralphilosophischem Schriftmaterial, dann lehnt man sich doch nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn man behauptet, dass die Moral des kommenden Menschen wahrscheinlich darin bestehen wird, seiner eigenen Mutter im rechten Moment pflichtbewusst das Haupt abzuhacken, wenn ihre Augen leichte Anzeichen auf Zombie-Keime geben, um damit eine verdammt gute Sache für’s Allgemeinwohl getätigt zu haben. Das ist keineswegs übertrieben, denn durch jahrzehntelanges Antrainieren von Behaglichkeit wissen wir Sesselpfurzer doch überhaupt nicht, wie wir in egal welcher Notlage überhaupt reagieren würden. Es wäre wahrscheinlich wie in den Zombie-Filmen, wir würden nicht hinterherkommen, uns gegenseitig abzuschlachten, also genau das, was auf dem Planeten an den unzähligen unsicheren Orten noch geschieht und früher immer geschehen ist, und eben an solchen Orten und in solchen Zeiten ist Moral vonnöten, und da wir die nicht besitzen, wären wir allesamt wahrscheinlich die hinterletzten Nazis. Wir können da alle nicht ehrlich in unser Herz schauen, weil es bei den meisten nie wirklich geprüft wurde, keiner weiß, wie er sich in wirklicher Not verhalten würde. Luther wurde mal gefragt, was er anstellen würde, wenn ihn Räuber auf der Dübener Heide überfielen. „Da wollte ich Fürst sein und das Schwert führen, weil sonst niemand um mich wäre, der mich schützen könnte, und wollte totschlagen, soviel ich könnte, und danach das heilige Sakrament nehmen und wollte ein gut Werk getan haben.“ So Luther in seiner 641. Tischrede, also ähnlich wüst wie jeder Ami, und wann genau fängt bei uns eigentlich die Diskussion ums Waffenrecht an, bestimmt demnächst, wir sind immerhin bald bei 70 Friedensjahren. Wir gehen bei unseren meisten Urteilen viel zu gütig mit uns selbst um, sehen uns als barmherzige Menschenfreunde, und erkennen durch die Masken hindurch, die wir uns selbst verpassen, nichts mehr von der Realität. „Es hat kein Ding auf Erden ein besser Gestalt und Larve dann die erdichtete Güte. Drumb seint alle Winkel voll eitel Heuchler.“ Um hier auch noch Luthers Erzfeind Müntzer zu Wort kommen zu lassen, weil wir modernen Menschen so verfickt unparteiische Philanthropen-Pussies sind.

Dass die Moral komplett am Absterben ist, bemerken manche Menschenköpfe schon seit hunderten Jahren, und erklärt wird es wie seit Jahrtausenden, nämlich hauptsächlich durch den verderblichen Einfluss des Reichtums, oder Wohlstands, wie’s heute heißt, als alleiniges Allheilmittel aller Nöte der Menschheit. Reichtum ist schon immer so ziemlich das dümmste Heilmittel, da es immer andere arm macht, wirklich immer, wenn nicht mehr nur andere Menschen wie früher, dann eben inzwischen den Planeten selbst, Reichtum, wie geil er für einen selbst auch sein mag, zugestandenermaßen, ist immer absolut unmoralisch und erzböse. Und nur weil ein paar idiotische Ökonomen und Erbsenzähler lange vor der Moderne herausgefunden haben wollen, dass jeder einzelne Mensch ohne Probleme reich werden könne, wenn nur alle kräftig mit anpacken, was als Lösung vor hundertfünfzig Jahren vielleicht noch lustig für diese beschissenen Ur-Nerds klang, kann doch nicht einfach verhindern, dass der angeblich doch mit Intellekt ausgestatteten Menschheit von heute bewusst ist, dass der Reichtum aller den Planeten, ja vielleicht sogar das Sonnensystem an Platz und Material absolut überfordern, bei Milliarden von Menschen und Millionen von Superreichen. Im Übrigen gab’s vernünftige Menschen wenigstens trotzdem, die kamen dann kraft ihrer Gedanken auf solche verblüffenden Ideen: „In Nationen des 19. und Reichen des 20. Jahrhunderts muss der Vorsatz jedes Mannes, um jeden Preis reich zu werden, und jeder Frau, sich um jeden Preis zu verheiraten, ohne eine höchst wissenschaftliche gesellschaftliche Organisation eine verderbliche Entwicklung der Armut, des Zölibats, der Prostitution, der Kindersterblichkeit, der Entartung der Erwachsenen und all jener Übel zur Folge haben, die weise Menschen am meisten fürchten.“ Das hat G.B. Shaw schon vor über hundert Jahren an seinen Kumpel Walkley geschrieben, wobei eigentlich nur hinzuzufügen ist, dass auch Frauen inzwischen den einzigen Vorsatz haben, um jeden Preis reich zu werden, möglichst ohne sich dabei zu verheiraten, und dass die Kindersterblichkeit in dieser Problematik knallhart auf globaler Ebene genommen werden muss. Die einzige Organisation, die wir kennen, ist wirtschaftlicher Art, ist ausschließlich auf pragmatische Zwecke gerichtet, ja wenn wir Bildung in arme Länder bringen, heißt das immer nur, sie wirtschaftlich effizient zu machen, meist vor allem zum Nutzen der Dienstleister-Länder und zum Schaden der Bevölkerung, ihrer Kultur und Natur, aber das wissen wir ja alle. Ausschließlich die Wirtschaft regiert den Planeten, erbärmliche Hirnkrüken ohne jegliche Bildung, dieser Auswurf der erwähnten Drecksbande von Nationalökonomen des 19. Jahrhunderts, die keinerlei Geist besitzen, dafür aber mit genügend Bauklotz-Wissen ausgestattet sind, um den Planeten systematisch auszuhöhlen. Das tut der Handelsstand noch nicht besonders lange, Shaw schreibt 1903 von ihm, dass er die ersten 75 Jahre seines Anteils an der politischen Macht noch nicht hinter sich hatte und trotzdem schon schwer auf den Sack ging, und prognostizierte zudem Folgendes:“Wissen Sie, lieber Freund, ob sie lachen oder weinen sollten bei dem Gedanken, dass die armen Teufel ein Gespann von Kontinenten kutschieren werden, wie sie einen Viererzug kutschieren; dass sie eine Anarchie, die gelegentlich Handel und Spekulation treibt, in eine geordnete Produktivität verwandeln … werden? Man gebe diesen Leuten die vollkommenste politische Verfassung und das gesündeste politische Programm, das die gütige Allwissenheit für sie ersinnen kann, und sie werden es so unfehlbar als reine Modetorheit oder scheinheilige Barmherzigkeit auslegen, wie ein Wilder die philosophische Theologie eines schottischen Missionärs in rohe afrikanische Götzendienerei verkehrt.“ Und wer sich am Begriff „Wilder“ stößt, bestätigt doch nur die Sache selbst, kurz zuvor heißt es dazu:“Die zivilisierte Gesellschaft ist eine einzige ungeheure Bourgeoisie geworden; kein Edelmann wagt es heute, etwas zu sagen, was seinem Gemüsekrämer anstößig schiene.“ Denn genauso scheinheilig verhält sich da jeder Europäer, der die Qualität des Lebens eines Edelmannes lebt, vor allem in seinem Umgang mit den Gemüsekrämern, also den Afrikanern, und dann bei passenden Metaphern die Nase rümpft. Und da wir grad bei passenden Metaphern sind, von 1869, also von noch mal einem Batzen früher, ist die folgende von Flaubert über ein Bild Pellerins:“Es stellte die Republik oder den Fortschritt oder die Zivilisation in der Gestalt Jesu Christi dar, der eine Lokomotive durch einen Urwald führt.“ Will alles darauf hinaus, dass man vom heutigen Standpunkt aus unbedingt den Dichtern und auf gar keinen Fall den Wissenschaftlern glauben sollte, denn ganz offensichtlich scheinen die einen mit ihren lächerlichen Berechnungen und stupiden Daten-Auswertungen zu den vollkommen falschen Prognosen gekommen zu sein, wohingegen die anderen, nämlich ordentliche Schriftsteller, mittels Dingen wie Gelehrsamkeit und Tugend, dummerweise Begriffe, also schwer verständlich, sich mit ihren Prognosen oft zu hellseherischen Höhen aufgeschwungen haben, womit diese Ausführungen im Folgenden hauptsächlich beschäftigt sein werden, nämlich mit der Behandlung verschiedenster hellseherischer Vorkommnisse durch Dichtergabe der letzten drei Jahrtausende.

So schrieb zum Beispiel Johann Gottfried Herder in den 1770ern über uns Weltverbesserer-Hippie-Kotzkrüken Folgendes:“Bei uns sind gottlob! alle Nationalcharaktere ausgelöscht! Wir lieben uns alle, oder vielmehr keiner bedarfs, den andern zu lieben; wir gehen miteinander um, sind einander völlig gleich gesittet, höflich, glückselig! Haben zwar kein Vaterland, keine Unsern, für die wir leben; aber sind Menschenfreunde und Weltbürger. Schon jetzt alle Regenten Europas, bald werden wir alle die französische Sprache reden!“ Und dass nun die Sitten so dermaßen aufweichten, dass schließlich Englisch zur Weltsprache wurde, konnte selbst Herder der Sprach-Philosoph ja nicht im Traume erahnen.

Dass man sich in Friedenszeiten ruhig mal den Alten zuwenden kann, haben schon die Alten selbst so getrieben:“Hat man doch spät erst seinen Scharfsinn griechischen Schriften zugewandt, erst in der Ruhe nach den Punischen Kriegen begann man zu fragen, was Sophokles, Thespis und Aischylos Nützliches brächten.“ Aus Horazens Liebesbrief an seinen Kaiser, was mit 2000 Jahren Abstand zu uns eine weit größere Kluft darstellt als die zwischen dem Griechen Thespis und dem Römer Horaz mit immerhin grob geschätzten 500 Jahren. Und auch dort gibt’s unheimlich viel Nützliches, zum Beispiel wieder zum Reichtum:“Du magst Geist besitzen, Gesittung, Beredsamkeit, Zuverlässigkeit – doch an den 4000 fehlen dir nun mal sechs oder sieben Tausender: schon gehörst du zum Pöbel.“ Dummerweise ein Zitat mit vielen Begriffen. Will aber darauf hinaus, dass Anhäufung von Reichtum, ob von Einzelnen oder von Massen betrieben, ohne irgend einer grundlegenden Tugend nicht automatisch zur Besserung des Einzelnen, sondern vielmehr systematisch zum Untergang der Massen führen muss, denn „wen gibt es unter allen bei dem heutigen sittlichen Zustand, der nicht mit Reichtum und Aufwand statt mit Redlichkeit und Energie mit seinen Vorfahren wetteiferte?“ Sprach Sallust und der römische Historiker war dazumal wie viele Vernunft-Köppe der Auffassung, dass der Antrieb, aus dem heraus man Handlungen anstrebt, einer tugendhaften Prüfung standhalten muss, ansonsten bleibt die Handlung unter Umständen mehr als fraglich. So wollen zum Beispiel heutzutage selbst die besten unter den wirklich guten Weltverbesserer-Hippie-Kotzkrüken erst einmal für sich selbst reich und mächtig werden, um dann gönnerhaft mittels „Spenden“ zu helfen, weil’s nun mal Usus ist, erst einmal wie damals bei Sallust homo novus, also sozialer Aufsteiger zu werden, um dann als gepellte Bohne mit den Guttaten zu beginnen. Aber was bildet sich so eine Kotzkrüke bloß ein, ob damals oder heute, die mit vierzig erstmals an Menschen „spendet“, deren lebenslange Armut und Arbeit dafür gesorgt haben, dass die Kotzkrüke vierzig Jahre lang so unendlich gediegen in der eigenen Lebensgestaltung daherschippern konnte?

Besonders deftige und heftige Friedenszeiten mit übermäßigem Wohlstand schlagen schnell um zu barbarischen Zeiten, frivol gepaart mit einer Entartung der Gesamtbevölkerung, grauenhafter Massenverdummung und anderen lustigen Begleitgelen moderner Zeiten. „Denn Friedenszeiten verweichlichen den Geist und verderben die Sitten.“ So Francis Bacon Anfang des 17. Jahrhunderts. Wenn zum Beispiel die meisten Ausgewachsenen einer Gesellschaft nichts mehr zur geistigen Weiterbildung im Leben anstellen, nachdem sie sich zu welchen Abschlüssen auch immer durchbeschissen haben, außer der notwendigen Aneignung von Spezialisierungs-Wissen, um der verhunzten Gesellschaft als winzig kleines, kaum wahrnehmbares, unter dem Mikroskop nicht zu erkennendes Rädchen im Großgetriebe einer sackepeinlichen Arbeitsteilungs-Maschinerie zu dienen und sich selbst mit Geld zu versorgen, da die meisten nicht wirklich etwas tun, was den Namen Arbeit verdient, also lediglich Geld verdienen, um sich Spaß am Leben zu kaufen, durch all die geilen groggy Konsumgüter, wenn also aus so einem Haufen von Ausgewachsenen eine Gesellschaft besteht, mit zugestandenen Ausnahmen, die in Deutschland sicher in die Tausende gehen, was trotzdem einen scheißkleinen Haufen darstellt, wenn also allesamt so brachial am Verdummen sind und darin so unfassbar konstant bleiben durch ihre ganzen Lebensalter hindurch, sich größtenteils vom saudummen Jugendlichen, durch Ausbleiben von Weiterbildung zum noch viel dümmeren Erwachsenen und schließlich zu sowieso irgendwie am Abhang stehenden Grenzdemenzlern von Alten entwickeln, da bleibt außer sich warm anziehen also oft nur die Beschäftigung mit den Alten, also den Weisen von früher und nicht den Grenzdemenzlern von heute, um nicht ebenfalls zu verdummen, gar nichts zu tun oder auf die blöde Idee zu kommen, sich nach Afrika einzuschiffen.

Die Gegenwart ist keine Schuhsohle wert;
Die Männer sind nur dem Gewinn zugekehrt,
Ihre Geister sind lahm, ihre Taten unecht,
Und die Weiber – ein unbeständig Geschlecht!

Auch wieder gute 150 Jahre her, seit Henrik Ibsen so krakeelte, und neben zwei Weltkriegen und extrem viel Weltraumschrott hat der damals prophezeite kommende Mensch Peer Gynt noch nicht besonders viel von seiner Nützlichkeit bewiesen.

„Wir leben jetzt neunhundert Jahre: ein Zeitalter ist es, schlimmer als das Eiserne, für dessen Verderbtheit selbst die Natur keinen Namen findet und kein Metall, es danach zu benennen.“ Schrieb Juvenal in den 120ern nach Christus und inzwischen haben die Alchemisten genügend neue Metalle zusammengeschustert, um für das saumäßig verderbte von heute genügend Namen zu finden, Latex-Zeitalter, Gleitgel-Zeitalter, Atome hatten nämlich schon die Alten Griechen, oder besser Plastik-Zeitalter, weil’s schön peinlich klingt, und weil eigentlich jede Haltung oder Handlung, die wir mit Plastik in der Hand tätigen, etwas furchtbar Peinliches an sich hat. Da sind wir hoffentlich nicht die Einzigen, denen es so geht. Aber Dinge aus Plastik haben doch offenbar immer Spielzeug-Charakter, sind Abarten von früheren Werkzeugen, nur jetzt halt schön bunt und aalglatt, damit wir Riesenbabies uns bloß nicht schneiden, und das meiste, was wir damit anfangen, hat etwas Erbärmliches an sich, mit so einem depperten Schlauch zum Beispiel den Quadratbatzen Garten wässern, und dass die Spielzeuge inzwischen tierisch aufgestyled wurden, anhand Seltener Erden und Steve Jobbs zum Beispiel, wie dazumal der Käfer, des Deutschen Ur-Spielzeug, bis heute auch so ordentlich aufgestyled wurde, dass viele Riesenbabies in neueren Modellen so aufgeblasen rumkutschieren, als würden sie gerade mit einem Säbel in der Hand gegen Mongolen anreiten, wobei Kutschen selbst schon in früheren Jahrhunderten oft Spielzeug-Charakter hatten, denn immer wenn der Wohlstand explodierte, brach auch der Spieltrieb durch, und jeder vernünftige Russe, Franzose oder sogar mancher Deutsche zum Beispiel hatte schon im 19. Jahrhundert eine klare Meinung gegen die Abart der Mitbürger, sich mit neumodischen Kutschen in der Gegend rumkutschieren zu lassen, was damals eine krasse Verkotung der Städte zur Folge hatte, heutzutage die Verpestung unserer kompletten Erdatmosphäre, dass also die Spielzeuge inzwischen so wichtig aussehen, dass sich keiner mehr traut, sie den ebenfalls extrem wichtig dreinblickenden Riesenbabies wieder wegzunehmen, ändert doch nichts an der Tatsache, dass all diese Dinge trotzdem furchtbar peinlich, erbärmlich, unvernünftig und unsittlich sind und somit gut vom mordsmäßig obersackepeinlichen Plastik-Zeitalter gesprochen werden kann.

Der Dichter Juvenal schrieb damals übrigens Satiren, viel mehr zu tun bleibt in barbarischen Zeiten nicht übrig, als Däumchen-Drehen und auf die Völkerwanderung warten, die dann im schlimmsten Fall ein tausendjähriges Mittelalter einläutet, nicht etwa wegen der Kultur der Barbaren, beileibe nicht, holla die Waldfee, sondern weil die jeweiligen sogenannten Barbaren die Kultur der vorherigen Reiche übernehmen, die meist nur noch ein Abklatsch von dem ist, was die Kultur eigentlich einmal ausgemacht hatte, ein Auswurf an Mode und Massenwohlstand, der zur Luxus-Versorgung all die Länder um sich herum benötigte, die dann letztlich so ausgeblutet waren, dass sie loswanderten, eben so wie sie heute loswandern, weil ihre Länder ausgeblutet sind, und sie nehmen die Kulturgüter erstmals in Form von Konsumgütern auf, weil’s sonst keine gibt, werden also immer viel mehr Kultur mitbringen als sie vorfinden werden, nach und nach aber auch die eigene verlieren, was dann Integration heißt und von uns Weltverbesserer-Kotzkrüken tatsächlich ernst gemeint ist. In wirklicher Kultur steckt nämlich immer auch wirkliche Moral, die hätten wir dann gleich zweifach gemordet. Will man heute jedenfalls zu den Guten gehören, so sollte man die Seiten wechseln, und wenn die Armen aus aller Welt nur in friedlicher Absicht kommen, so sollte man die Korken knallen lassen, denn auf die Worte von Thomas von Aquino, dass die Völker des Nordens, die weit von der Glut der Sonne leben, zu allen kriegerischen Verwicklungen überaus bereit sind, da sie von der Fülle ihres Blutes fast überfließen, sollten wir uns nach weit mehr als 700 Jahren Sesselpfurzer-Evolution nicht unbedingt verlassen. Da bliebe uns verweichlichten Riesenbabies nichts als die ausgehungerten Angeschwemmten noch am Strand wie die Robbenbabies totzutreten, bevor sie Zeit zum Aufpäppeln hätten, wenn unsere anerzogene Moral mit uns durchgehen würde, oder einfach das verdiente Schicksal anzunehmen, denn jeder wünscht sich doch weit mehr, dass die süßen kleinen Robbenbabies diese ewige Schlacht endlich mal für sich gewinnen.

Wir sind längst wieder da angekommen, wo zum Beispiel die Römer nach Sallust gerade waren, obwohl’s zu seinem Weltuntergang, also zum Untergang des Römischen Reiches, von da aus noch ewig gedauert hat, doch die Parallelen sind verblüffend:„Männer gaben sich als Frauen hin, die Frauen hielten ihre Keuschheit offen feil, des Essens wegen durchforschten sie über Land und Meer hin alles genau, schliefen, bevor das Bedürfnis nach Schlaf da war, warteten nicht auf Hunger oder Durst, weder Kälte noch Ermattung ab, sondern nahmen das alles in ihrer Schwelgerei vorweg.“ Das sollte man am besten fünf Mal hintereinander lesen, das Nachdenken über die letzten Zeilen ersetzt im Grunde die Lieblingsbeschäftigung von Riesenbabies, „die etwas für sich tun wollen“, und die sich dann mit verschiedensten Körper-und-Geist-Ratgeber-Angeboten einer riesigen Konsummaschine auseinandersetzen statt mit sich selbst und sich wundern, dass das geile Video von Detlef D. Soost sie nicht so megatittenaffengeil aussehen lässt wie den einzig wahren D. selbst. Man muss sich da eher fragen, ob man überhaupt jemals im Leben wirklich unter Hunger oder Durst gelitten hat und warum man sich mit dieser eindrücklichen Lebenserfahrung nicht bereichert, obwohl nur ein zwei Tage der Verzicht auf Gewohnheiten nötig wäre. Aber man selbst kommt ja kaum zwei Tage ohne Alk aus.

Früher war also auch vieles nicht besser, aber doch viel weniger verheerend als heute; wenn man unsere verkackte Gesellschaft zum Beispiel unter dem Aspekt der Verschwendung mit früher vergleicht, also als Wegwerfgesellschaft mit Warentests, ohne jetzt groß auf die unsäglichen Ausmaße einzugehen, die wir heutigen Europäer betreiben, so lassen sich da überhaupt keine Verhältnisse mehr ablesen, man kann im Grunde etwas so dermaßen Verschiedenes durch eine Umrechnung nicht in einen wie auch immer gearteten Vergleich stellen. Allein die Lebensmittel, die wir vernichten statt zu verbrauchen, füllen ja Dutzende Containerschiffe, in welchem Verhältnis steht das zu dieser Aussage aus dem 12. Jahrhundert von Abaelard:“Eine Unsitte, die in vielen Klöstern herrscht, ist nicht nur fernzuhalten, sondern heftig zu verabscheuen, dass man nämlich an den übriggebliebenen Stückchen Brot, die den Armen zugehören, Hände und Messer reinigt und abwischt und, um die Tischtücher zu schonen, das Brot der Armen besudelt.“ Unziemliche Verschwendung gab es also schon immer, und wie freut sich der heutige verschissene Sesselpfurzer über sein verdorbenes Pseudo-Wissen, dass ihm diese schrecklichen Bilder der Vergangenheit liefert wie das des verfressenen Mönchs, der sich den fetten Wanst vollhaut, während Faramir und die andern grad in den Tod reiten, weil er sich selbst dadurch in hellerem Lichte sehen kann. Das tun wir doch wirklich alle, kaum traut sich einer von früheren Werten zu sprechen, platzen wir verdreckten, hundsverdorbenen Sesselpfurzer mit dem glorreichen Argument des verfressenen Mönchs heraus, der so flächendeckend beweist, dass die früheren Menschen auch alle Mistsäue waren, aber man wird ja wohl annehmen können, dass es damals auch schon ein zwei von uns unverbesserlichen Weltverbesserer-Hippie-Kotzkrüken auf Erden gegeben hat.

Dass wir Kotzkrüken so gnädig mit unserem Selbsturteil sind, liegt nicht in erster Linie daran, dass wir böse sind, sondern daran, dass wir strunzdumm sind, was unsere Handlungen aber in dem Moment, wo sie schrecklich dumm und unvernünftig, zugleich aber auch schädlich sind, wie zum Beispiel tatsächlich das Autofahren, auch wiederum böse werden lässt, was wiederum aber keinen juckt, weil nur das Gewissen Juckreiz-Charakter besitzt. Dumme Handlungen beging der Mensch zwar schon immer, aber um wie vieles besser und vor allem umweltverträglicher ist zum Beispiel die folgende strunzdumme Handlung, die uns Theophrast über 2300 Jahre hinweg schildert:“Sieht der Abergläubische zu Hause eine Schlange, so ruft er nach Sabazios, ist es eine heilige, dann errichtet er gleich einen kleinen Heroentempel.“ Vielmehr wie geil ohne Ende ist diese strunzdumme Aktion, bei Sichtung einer Schlange aus Stein und Gerümpel einen kleinen Tempel zu basteln, wie ursüß und grottenharmlos im Gegensatz zum Quad fahren zum Beispiel, weil man nach Sichtung eines anderen Schimpansen auf solchem Gefährt dem unbändigen Spieltrieb verfällt, seine Klöten freischwebend auf vier Rädern durch die Lüfte zu schwingen?

„Wie die Geschichte aller Zeiten und die tägliche Erfahrung lehren, überschreiten Torheit und Schwäche des Menschengeschlechtes jedes Maß. Es gibt so viel Elend und Schreckliches, dass sich die weisen Heiden immer wieder erstaunt gefragt haben, woher bei diesem hervorragenden Wesen so viele Verwirrungen und bedauerlichen Zusammenbrüche kommen.“ Schrieb der Humanist Melanchthon im 16. Jahrhundert, fast zeitgleich mit Werken, die sich fast ausschließlich mit der Dummheit der Menschen beschäftigten, wie das Lob der Torheit von Erasmus von Rotterdam oder Sebastian Brants Narrenschiff, und dass es damals noch so viele dumme Bauern gab, über die sich „klügere“ Menschen gerne und ausgiebig ausließen, lag vor allem daran, dass es damals noch so verflucht viele Bauern gab. Bauern gibt es bei uns in Deutschland heute scheinbar kaum mehr und auch die klugen Menschen scheinen ausgestorben. Wie ging das alles vor sich und welche Art von Menschen leben dann heute überhaupt noch?

Schaut man wieder mal ins für die Sache furchtbar interessante 19. Jahrhundert, so schrieb Gottfried Keller in einer Novelle zum Beispiel Folgendes: „Nun war aber gerade wieder die Zeit, wo die Physiker eine Reihe merkwürdiger Entdeckungen und Erfahrungen machten und die Neigung, das Sehen mit dem Begreifen zu verwechseln, überhand nahm und naturgemäß vom Stückweisen auf das Ganze geschlossen wurde, öfter aber nur da nicht, wo es am nötigsten war.“ Inzwischen haben die Naturwissenschaften ihre Brüder im Geiste praktisch vollständig ausgerottet und wenn man das nun die 150 Jahre lustige Daniel-Düsentrieb-Zeit bis heute hochrechnet, da bekommt man doch seine erschreckenden Antworten, denn offensichtlich haben die meisten Bauern auf technische Gebiete übergesattelt und heißen jetzt nur anders. Das beantwortet sogar die Frage, wo nun all die klugen Menschen geblieben sind, konfrontiert aber schon genug mit anderen unbezwingbaren Rätselaufgaben. Wie ist z.B. dieses Monster an Bauernschaft mit Plastik-Werkzeugen in den Drecksgriffeln zur Selbsterkenntnis zu bringen? Und dann erst die ganzen restlichen Bauern, die sogar zur Bedienung der Plastik-Werkzeuge zu blöd sind? So schnell wird die Besinnung nicht kommen, was Grillparzer im besagten Jahrhundert in hübsche Verse brachte:

Pocht nicht so hart an der Gedanken Tor
Wenn’s früher schloß, machts jetzo doch nicht auf!

Will heißen, wie soll man ein sowieso schon schwieriges Pflänzchen in einem so versäuerten Boden aufziehen, wenn man noch nicht mal mit dem Samen in die Dreckserde reinkommt? Und verschärfend haben auch noch alle das dazu dringend notwendige Bauernhandwerk verlernt. Man könnte ja manche der angeschwemmten Afrikaner fragen, aber denen wird stattdessen gezeigt, wie’s nicht geht. Man sollte sich jedenfalls die Bauern-Frage genauer anschauen.
Den Bauern ihr Handwerk zu nehmen ist keine gute Sache, gehört aber trotzdem zur herkömmlichen Entwicklung von Zivilisation. Kaum gibt’s nix mehr zu tun und sie müssen in die Städte pilgern, schon hat man eine Pflanze entwurzelt, die in keinem noch so gediegenen Boden in Saft und Kraft bestehen wird. Wir in der keine Ahnung wievielten Nachfolge-Generation spüren, wenn die systemische Erziehung wirkt, kaum mehr was davon, nur dass sich halt der Marketing-Sektor Landleben unheimlich etabliert. Aber im Grunde kann man davon ausgehen, dass der entwurzelten Pflanze nicht mit noch so viel Dünger zu helfen ist, und dass sie immerhin kaputtes Unkraut hervorbrachte, also uns die Nachfolge-Generation, welches so freudig über die Erde wuchert, macht die Sache ja nicht wirklich besser.

Raus aus den Bauernhöfen ist keine gute Idee gewesen und entwickeln tut sich’s schon so furchtbar lange, schon zu Shakespeares Zeiten steht im Lalebuch über ihre Wohnstätten geschrieben:“…denn dazumal hatten die Bauern noch nicht so große Paläst, wie sie jetzund haben.“ Wer diese Stelle vom unbekannten Verfasser der Schildbürger für ironisch hält, wie manche das komplette Werk, zeugt von literaturkritischem Unverstand und gehört vom Campus gejagt. Wer wiederum umsattelt und endlich mal glaubt, was er da liest, darf bleiben. „Ein solcher Mensch ist wahrhaft weise und schöpft der Natur den Rahm ab.“ So Jonathan Swift im Tonnenmärchen, und auf gleicher Seite übrigens noch ein grauenhaftes Beispiel der Gewalt und der Unterdrückung der Frauen in früheren Jahrhunderten:“Letzte Woche sah ich, wie eine Frau ausgepeitscht wurde, und es ist kaum zu glauben, wie sich ihr äußeres Erscheinungsbild dabei zu ihrem Nachteil veränderte.“ Beweist zwar nochmals eindrücklich, dass man sich mit Literatur die Menschlichkeit einfach wie einen Schlüpper überstreifen kann, wenn man nur will, tut an dieser Stelle aber trotzdem nichts zur Sache. Es geht hier um die Bauernfrage.

Ist denn z.B. jemand in der Lage, den Chinesen zu beglückwünschen, der es nun auch endlich geschafft hat, der mit Gesichtsmaske durch kaum sichtbare Städte geistern darf, statt sich auf dem Acker bei Frischluft abzurackern, und endlich auch diese Unmengen ressourcenfressenden Konsumgüter besitzen und benutzen kann wie wir? In fast allen Jahrtausenden liest man übrigens von der heilsamen Kraft des Grüns auf die Seele, und es steht zu befürchten, dass da eher eine im Winde wogende Wiese gemeint ist und es mit einer grün angestrichenen Zimmerwand nicht getan wäre.

Bauern lebten übrigens oft in Dörfern, ja man findet in der Geschichte der Menschheit kaum eine Stadt außer Abdera in Griechenland, die nur aus Bauern bestand, was schlicht daran lag, dass bei jeder Stadt auch Bürger vorhanden waren, weil auch eine Burg vorhanden war, ohne die keine noch so bemühte Ansammlung von Häusern den eigentlichen urban style einer echten Stadt beanspruchen durfte. Wenn nun aber Bauern ausschließlich in Dörfern lebten, so kann man daraus schließen, dass sich das Leben eines Bauern in einem Dorfleben abspielte, was uns sozial völlig übermobilisierten Weltbürgern von heute auch nach längerem Nachgrübeln kaum in die Köppe gehen wird. Was hat das nun zu bedeuten, ein Leben so völlig ohne soziale Mobilität? Ein Leben lang lediglich sozial verstrickt zu sein mit einer relativ gleich bleibenden Ansammlung von sagen wir einhundert Bauern, die man von morgens bis abends praktisch sein Leben lang um sich hat, statt sagen wir fünfhundert Bauern bei Facebook, die man vom Anfang bis zum Ende des Lebens praktisch nicht einmal zu Gesicht bekommt, und dieser völlig crazy coolen Möglichkeit zu entbehren, sein Leben lang total hip von einer Stadt zur nächsten zu hoppen, sich auf überhaupt niemanden wirklich einlassen zu müssen und sich mittels Plastik-Werkzeugen komplett selbst versorgen zu können, schön fett allein vorm Fernseher fressen zu können statt mit so einer Drecks-Bande von Bauern am überengen Tisch hocken zu müssen, wie sehr unterscheiden sich da doch die Möglichkeiten zur sozialen Verwirklichung? Diese Bauern hatten noch keine sozialen Netzwerke außer den alltäglichen und lebenslangen, die sie mit den bekannten Arschgesichtern der anderen zusammenbrachten, man muss davon ausgehen, dass viele Selbstverwirklicher, die es in Anbetracht von YouTube ja unbedingt massenweise unter den Menschen geben muss, zu damaligen Zeiten einfach völlig vereinsamten, wahrscheinlich geisterten die früheren Menschen sowieso irgendwie durch ihre Dörfer wie die Gespenster und zuckten nur manchmal verschreckt zusammen, wenn sie auf die Schatten der anderen stießen. Doch mal im Ernst, in allen Geschichten, in denen ein Bauerndorf vorkam, gab es auch unfraglich eine Person, die aus dem Dorfleben ausbrechen wollte, die höher hinauswollte, ja viele Bauern-Geschichten leben von dieser Eigenschaft ihres Haupthelden, aus dem Dorf auszubrechen, sonst würde sich ja alles nur um ein verkacktes Bauerndorf drehen, dass ist bei kaum jemand außer Jeremias Gotthelf auf Dauer spannend, na jedenfalls sei dieser eine kreuzdämmliche Bauer, der aus der Dorfgemeinschaft ausbrechen will, zugestanden, man gestehe jedem Dorf drei vier dieser Aufbruchs-Naturen zu, der große Rest scheint immer eher bleiben zu wollen. Den meisten Bauern schienen dazumal also die paar Dutzend sozial Nahestehenden, die sie um sich hatten, mehr Wert zu sein als die möglichen Bekanntschaften, die sie zu, nun was eigentlich, charakterlich passenderen Bauern, stimmigeren Gemütern, Menschen mit kompatibleren Hobbies hätten führen können, wäre man nur sozial ein wenig mobiler gewesen? Zudem konnte man sich in jedes x-beliebige andere Dorf einheiraten, das verdoppelte sozusagen den Facebook-Acount. Und im Übrigen darf auch überhaupt nicht vergessen werden, dass man schon seit Jahrtausenden als Mensch unglaubliche Strecken zu meistern in der Lage war, auch ohne weltzerstörerisches Chaos an Straßenvernetzung und Luftverkehr, nur da hört sich die Bezeichnung soziale Mobilität für eine solch abgrundtief schlechte Sache halt wesentlich humaner an, soll ja bloß keiner ein schlechtes Gewissen bekommen, Riesenbabies sind viel zu schreckhaft.

Die meisten modernen Städter vereinsamen, die Mode-Krankheit von Wohlstands-Zeiten ist Massenvereinsamung, das wird ja wohl keiner bestreiten, die Folgen sind seit Dostojewskij immer dieselben:“Bei den Reichen Isolierung und geistiger Selbstmord, bei den Armen Neid und Mord.“ Die meisten sehnen sich zurück ins Dorf, weil sie so völlig allein sind, denken aber, sie sehnen sich lediglich nach Partnership oder wie der Scheiß inzwischen heißt. Aber wir sehnen uns inzwischen immer in die völlig falschen Richtungen. Zum Beispiel auch eine moderne Mode-Krankheit: Wir wollen alle ins Fernsehen, wahrscheinlich, weil wir glauben, dass da alle andern sind. Nur wir allein hocken im Wohnzimmer, unser Dorf und die anderen sind im Fernseher, und wenn es uns durch irgendein Talent gelingt, zu ihnen zu gelangen, dann fängt das wirkliche Leben unter den Unseren endlich an. Dass, was jeder da will, ist schlichte Anerkennung, und soziale Anerkennung hagelt es, wenn man in einem Dorf lebt und richtig mitmacht. Die Anerkennung von mehreren Mitmenschen, die außerhalb von Lohn und Arbeit läuft, genügt den meisten Menschen als Tages-Dosis völlig, und nur weil diese Aufbruchs-Naturen, diese Peer Gynts, diese homo novusse und wie sie alle heißen, die aus dem Dorf ausbrachen, um sich ihrer Meinung nach die verdiente Anerkennung von einer unausgemachten höheren Stelle zu besorgen, die lauteren sind, heißt doch noch lange nicht, dass das für uns alle das beste ist. Es scheint nämlich ganz offensichtlich nur für die paar Peer Gynts proper zu funktionieren, die inzwischen die Welt machen, denn das systematische Verhindern von Altruismus gehört offenbar zur modernen Welt wie die großangelegte Unterstützung des Egosimus, was sich allein im Vergleich der Bezahlung des Pflege-Sektors mit dem Finanz-Sektor deutlichst zeigt, jeder weiß das, und die Masse vereinsamt. Soziale Anerkennung erfolgt inzwischen auch systemisch, dass heißt durch Auszahlung von Lohn, für die man sich die Belohnung dann auch noch selbst aussuchen darf, meist in Form von etwas Materiellem. Supi Sache, vor allem für Kinder, aber was machen all die vielen Erwachsenen damit, wenn sie nicht wie die wenigen Glücklichen mit diesem sozialen Mini-Häufchen genannt Familie ausgestattet sind, diesen wenn’s hochkommt vier fünf Persönchen, dazu meist nur zwei drei im gleichen Alter, und wenn sie nicht wie die noch wenigeren Überglücklichen gesegnet sind, die durch eine Randgruppierung tatsächlich noch eine Art Rudel um sich haben, wenn sie zwar Freunde haben, aber keine, die sie täglich haben, was machen all diese sozialen Geschöpfe, wenn teilweise Tage, Wochen, Monate, Jahre vergehen ohne soziale Anerkennung? Da genügt manchmal das Lächeln eines Passanten, aber halt auch so eine Sache, die wir den Angeschwemmten immer schnellst möglich abgewöhnen.

Abschließend kann man also sagen, dass wir Bauern alle schrecklich unter der Auflösung unseres Dorfes leiden und all diese Spielsachen, die wir stattdessen bekommen, nicht nur für die zukünftigen Generationen zum Dilemma werden, sondern auch uns schon jede Menge kosten, nämlich so ziemlich das komplette wahre Leben. Das macht uns jetzt doch irgendwie betroffen.

Ablenkung bietet die moderne Gesellschaft aber doch auch in anderen Formen als in Bildschirmen. Es gibt ja immer noch die Möglichkeit, tatsächlich ins wahre Leben rauszustürmen und abends wegzugehen, was halt Unmengen Ressourcen auffrisst, weil unser Sesselpfurzer-Arsch den Weg ins Nachtleben meist nicht ohne fremde Hilfe meistert, aber egal, wir können fett unter andere Leute. Im Kino zum Beispiel sitzen wir dann zuhauf unter Artgenossen, ja praktisch unter zukünftigen Lebens- und Schicksalsgefährten, mit denen wir die Wogen und vor allem die Dünen des Lebens rein technisch gesehen durchschippern könnten, manchmal shoppen gehen, manchmal sogar sonntags, abgefahrn, und sich gegenseitig zu Tode langweilen, wiederum meist vor Bildschirmen, wenn wir nur irgendwie die Möglichkeit hätten, die neben uns Sitzenden auf irgendeine Weise auf uns aufmerksam zu machen. Daran scheitert dann meist die Völkerverständigung, aber doch haben wir die Möglichkeit, abends fett wegzugehen, das können viele Menschen in Afrika in dem Sinne nicht.

Als die Bauern übrigens schon lange ihre Dörfer verloren hatten und über Generationen ihr Dasein in der Vereinsamung vor Bildschirmen verbrachten, ist ja mit den sozialen Netzwerken etwas saumäßig Lustiges und brachial Urkomisches passiert, nämlich als diesen kreuzdummen Bauern erstmals aus den Bildschirmen heraus zurückgewunken wurde, als der Bauer auf der anderen Seite endlich mal reagierte. Da drehten sie allesamt völlig durch, als man urplötzlich einen Seelenverwandten mit Feuerzeug am Hintern auf der anderen Seite des Plasmas gewahrte, den man sogar kontaktieren und mit eigenen Arsch-Fotos beglücken konnte, wie brach da die helle Freude aus unter diesen saudämmlichen Bauern, in Deutschland wurde im Überschwange sogar eine Partei begründet, so einen Deftigen schien’s der neuen Bauern-Community wert zu sein, spätestens jetzt möchte man die Bauern doch am liebsten am Leibchen packen, ordentlich durchprügeln und raus vor die Tür stoßen; wenn man’s mit allen gleichzeitig täte, stünden nämlich plötzlich Massen von Bauern im puren Angesicht mit ihren verlorengeglaubten Ackerbrüdern, aber wie gesagt, unter Umständen würden sich dann wiederum die beiden nicht finden, die sich gern ein Feuerzeug an die Arschbacken halten, und wäre es das wirklich wert? Dostojewskij hat über die sozialen Netzwerke übrigens schon lange vor ihrem Entstehen geschumpfen, das klang vor 130 Jahren dann wie folgt:“Sie versichern, die Welt werde sich immer mehr einigen, sich zu einer brüderlichen Gemeinschaft zusammenschließen, indem sie die Entfernungen verkürzt und die Gedanken durch die Luft übermittelt. O weh, glaubt nicht an solche Einigung der Menschen! Dadurch, dass sie unter Freiheit nur Steigerung und schnelle Befriedigung ihrer Bedürfnisse verstehen, verderben sie ihre Natur, weil sie in sich viele sinnlose, dumme Wünsche und Gewohnheiten und törichten Einfälle wecken.“ Aber auf den törichten Einfall der Arschbacken-Flammierung mag doch trotzdem keiner verzichten, wir haben ja noch nicht einmal mehr Misthäufen vor der Tür! Will man uns denn alles nehmen?

Wenn man sich die Entwicklung vom Bauern zum Sesselpfurzer anschaut, darf man übrigens nicht die Industrialisierung überspringen, das ist uns allen völlig bewusst, drum gibt’s darüber irgendwann einen anderen Text mit Namen „Welt verändern 0.1“, der alle Fragen klären wird. Hier an dieser Stelle wurde nun genug geseiert, um ein paar abschließende Bemerkungen zu machen, denn Dinge wurden umschrieben, die nach einer Schlussfolgerung schreien. Wir werden besser den Text nochmals durchlesen, um diesen Dingen energisch nachzuspüren.
Wir sind soeben fertig mit dem Überfliegen des Textes und sehen keinerlei Fragen offen, sind vielmehr von Antworten bis zum Anschlag hin gesättigt und verlangen nach Verdauung. Drum müssen die Schlussfolgerungen in einen anderen Text, womöglich „Welt verändern II“. Zum Abschluss noch die geniale Vision Dürrenmatts zum Ende der Menschheit im Plastik-Zeitalter, die er seinem Möbius untergeschoben und dieser dem König Salomo:

Ein Psalm Salomos, den Weltraumfahrern zu singen
Wir hauten ins Weltall ab.
Zu den Wüsten des Monds. Versanken in ihrem Staub,
Lautlos verreckten
Manche schon da. Doch die meisten verkochten
In den Bleidämpfen des Merkurs, lösten sich auf
In den Ölpfützen der Venus, und
Sogar auf dem Mars fraß uns die Sonne,
Donnernd, radioaktiv und gelb

Jupiter stank,
Ein pfeilschnell rotierender Methanbrei,
Hing er so mächtig über uns,
Dass wir Ganymed vollkotzten.

Saturn bedachten wir mit Flüchen.
Was dann weiter kam, nicht der Rede wert:
Uranus, Neptun
Graugrünlich erfroren,
Über Pluto und Transpluto fielen die letzten
Unanständigen Witze.

Hatten wir doch längst die Sonne mit Sirius verwechselt,
Sirius mit Kanopus,
Abgetrieben, trieben wir in die Tiefen hinauf
Einigen weißen Sternen zu,
Die wir gleichwohl nie erreichten,
Längst schon Mumien in unseren Schiffen
Verkrustet von Unrat:

In den Fratzen kein Erinnern mehr
An die atmende Erde.

von Kai Essig © 2016